„Ziehen Sie die Cholera der Pest vor“

Darmstadt-Dieburg - (db) Das Thema Weltwirtschaftskrise schmückt nach wie vor die Titelseiten. Auch hierzulande zeichnen sich die Folgen ab: Sei es der angeschlagene Opel-Konzern, die insolvente Hypo Real Estate, zunehmende Kurzarbeit oder fallende Aktienkurse an den globalen Finanzmärkten - die Krise hat Deutschland im Würgegriff.

Bert Rürup, ehemaliger Wirtschaftsweise und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Darmstadt, referierte am Dienstagabend im Dialogforum des Landkreises über seine Sicht der Krise. Sein Titel: „Nach dem Tsunami auf den Finanzmärkten - Wie geht es weiter?“.

Bevor es losging, betraten unangemeldet linke Gruppierungen den Kreistagssitzungssaal. Mit Transparenten („Wir zahlen nicht für eure Krise“) kritisierten sie, allen voran der Kreistagsabgeordnete Walter Busch-Hübenbecker (Die Linke), die Position Bert Rürups, der „Täter der Wirtschaftskrise zu Opfern degradiere“ - mitunter ein Beleg für die gespaltete Öffentlichkeit über die Frage, wer die Verantwortung der Krise zu übernehmen habe und wie man diese am besten meistere. Während derzeit über Konjunkturprogramme des Bundes diskutiert wird, fragen andere, ob diese Maßnahmen ausreichen, richtig sind und zur rechten Zeit kommen. Noch nie mussten sich die globalen Wirtschaftssysteme mit einer Krise solchen Ausmaßes auseinander setzen. Einen Leitfaden, wie man diese bewältigt, gebe es schlichtweg nicht.

„Nach 1929 hatten wir insgesamt 14 Krisen, die im Durchschnitt je sechs Jahre dauerten und einen durchschnittlichen Wohlfahrtsverlust von viereinhalb Prozent nach sich zogen“, erinnert Bert Rürup. Wenngleich die Krise also noch lange nicht überstanden sei, so hätten alle Staaten richtig gehandelt und Bankenschutzschirme aufgebaut, so Rürup. „Es ist von entscheidender Bedeutung, die Kreditversorgung zu retten, um die Realwirtschaft, die immerhin ein öffentliches Gut ist, weitestgehend am Leben zu halten.“ Diese Erfahrung stamme aus dem Jahr 1929, als insbesondere die Arbeiter getroffen wurden, weniger die Kapitalisten.

Einen eindeutigen Schuldigen für die Misere vermochte der zukünftige Chef-Ökonom von AWD nicht auszumachen. Vielmehr seien eine Reihe von Fehlern begangen worden, angefangen mit der Einführung neuer Geschäftsmodelle amerikanischer Banken. Diese hätten sich von Dienstleistern der Wirtschaft zu Produzenten der Finanzindustrie gewandelt, gefördert von der damaligen Regierung. Auch Geringverdiener sollten sich im Zeitalter niedriger Zinsen und Hochkonjunktur ein Eigenheim leisten können. Die daraus resultierende Immobilienkrise sei gegründet auf einem Bündel jahrelangen unüberlegten Handelns und der Hoffnung, schnelles Geld machen zu können. Nachdem die Häuserkredite weiter an Investoren verkauft wurden, lag das Risiko bereits nicht mehr bei den Banken, sondern am Kapitalmarkt - zumal die US-Rating-Agenturen eben jene Anlagen zu gut bewerteten, obgleich klar war, dass viele ihre Kredite gar nicht zurückzahlen konnten. „Statt der Liquidität haben die Rating-Agenturen nur die Bonität dieser Kreditpapiere geprüft - ein fataler Fehler“, so Rürup, der auch dem ehemaligen Finanzminister Henry Paulson Versagen ankreidet.

„Es müsste eine Schufa für Banken geben. Dann wäre auch das Problem der Hedgefonds gelöst, denn damit wären diese endlich transparenter.“ Ohnehin sei die Lehre der Krise, dass eine neue Finanzarchitektur aufgebaut werden müsse. Allerdings würden sich Aufsichtsgremien für die globalen Märkte nur schwer durchsetzen lassen. Das Schlimmste sei aber verhindert worden, und in Deutschland habe die Bevölkerung noch Vertrauen in die Regierungsarbeit, anders als beispielsweise in Frankreich.

Trotzdem stünden die Banken noch vor dem Problem ihrer Bilanzen. Zu viele Papiere von unbekanntem Wert zwingen viele zu vermehrten Abschreibungen. Im Falle der Hypo Real Estate bezieht Rürup eine deutliche Position: „Die HRE ist eine Zombie-Bank - ein lebender Toter. Es besteht aber ein öffentliches Interesse, diese zu verstaatlichen.“ Neben dem Bankensystem müsse sich Deutschland der Automobilbranche widmen, der Schlüsselindustrie des Exportweltmeisters. Durch den massiven Wegfall der Auslandsnachfrage leide die BRD unter den sinkenden Verkaufszahlen wie kein anderer Staat. Im Falle Opels müsse also der Staat, trotz der ungeklärten Situation um Patent- und Namensrechte, mit Bürgschaften einsteigen, bis sich ein privater Investor gefunden habe. Alle anderen Maßnahmen bergen nur das Risiko einer Wettbewerbsverzerrung.

Etwa in der zweiten Jahreshälfte 2009 vermutet Bert Rürup eine erste Bodenbildung der Krise, die ersten Anzeichen einer Erholung im darauf folgenden Jahr. Schlussendlich seien die Konjunkturprogramme des Bundes längst nicht so schlecht, wie man es ihnen nachsage, auch wenn diese etwas zu spät gestartet worden seien. Diese rechtfertigten daher sogar die zunehmende Verschuldung: „Bei der Wahl zwischen Pest und Cholera wählen sie besser immer die Cholera - die gewährt ihnen eine höhere Wahrscheinlichkeit zum Überleben“, so Rürup. So profitiere auch der Landkreis, der aus dem Maßnahmenpaket 54 Millionen Euro zur Verfügung bekomme.

Jedoch werde der Arbeitsmarkt einbrechen und die Arbeitslosenzahlen erneut die Vier-Millionen-Marke erreichen, prognostizierte Rürup. Er ist jedoch überzeugt, dass Deutschland gestärkt aus der Krise hervor gehen wird.

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