Darwins Folgen

Max Ernst, „Europa nach dem Regen“ (1940-42), Öl auf Leinwand.

Ausstellung in der Schirn präsentiert Kunst zur Evolution: Menschenkopf auf Affenkörper: Naturforscher Charles Darwin und dessen Evolutionstheorie waren für die Illustratoren ein gefundenes Fressen.

Seine revolutionären Erkenntnisse entzündeten eine gesellschaftliche Debatte um Glaube und Wissenschaft – heute noch aktuell. Wie sehr das vor fast genau 150 Jahren veröffentlichte Werk „The Origin of Species“ die Welt erschütterte, welche Wellen es in der Kunst schlug, zeichnet eine Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle Schirn nach.

Einen weiten Bogen spannen Direktor Max Hollein und Kuratorin Pamela Kort. Von Darwins (1809-1882) künstlerisch arrangierten Präparationskästen bis hin zu den düsteren Zukunftsvisionen eines Max Ernst geht die Ausstellung den Reaktionen bildender Künstler auf die Verbreitung des Darwinismus nach, präsentiert Quellen, die Künstler inspirierten, wie Brehms „Thierleben“, die Romane Jules Vernes, Filmausschnitte aus „Le Voyage dans la lune“ von George Méliès. Sogar das Arbeitszimmer des Malerforschers Gabriel von Max mit Fossilien, Schädelfunden und Kultgegenständen schaffte man aus den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen an den Main.

Die Kunst suchte im Streit der Meinungen nach einem eigenen Weg. Den fand sie beispielsweise in fernen Tropen. Frederic Edwin Churchs „Rainy Season in the Tropics“ (1866), erstmals in Deutschland, zeigt eine prachtvolle Urwaldlandschaft mit Wasserfall, über die sich ein Regenbogen spannt, als ob sich göttlicher Funken auf Leinwand verewigt hätte – Darwin zum Trotz. In George Frederic Watts „Chaos“ (um 1875-82) schwingt sich der Mensch im apokalyptischen Szenario aus den Urelementen ans Licht.

Ein Seitenraum holt einen ebenfalls Vergessenen ans Licht: Martin Johnson Heade, dessen farbenprächtige Kolibris und Passionsblumen Forscherleidenschaft und künstlerische Profession vereinen. Gleiches gilt für den Naturforscher Ernst Haeckel, Briefpartner Darwins, den die Schirn-Ausstellung als Künstler des akribisch ausgeführten Details vorstellt. Eine ganze Wand bespielen seine Illustrationen von Flora und Fauna, die Schönheit der Welt im Kleinen festhaltend.

Frankreich nahm als früher Fundort prähistorischer Fossilien eine besondere Rolle ein. Dort entwickelten sich aus der Bebilderung wissenschaftlicher Arbeiten klassisch anmutende Ölmalereien aus dem Alltag unserer Vorfahren, bei Léon Maxime Faivre („L’envahisseur“, 1884) im dramatischen Kampf ums Überleben.

Kunst positionierte sich im Streit der Meinungen. Das zeigen nicht nur die zu Massenmedien avancierenden Zeitschriftentitel aus Darwins Zeiten und die Illustrationen eines John Heart field aus den 1950er Jahren. Karikaturhaft und wie ein ironischer Zivilisations-Kommentar muten die naturalistischen Ölmalereien des Gabriel von Max an. Seine Affen posieren als Kritiker oder Trunksüchtige. Arnold Böcklin liefert in dramatisch aufgeladenen Seebildern Tier und Mensch gleichermaßen den Elementen aus. Vorbehalte spiegeln sich in den Werken eines Alfred Kubin, der in Tuschzeichnungen Tiere über Menschen triumphieren lässt („Wissenschaft“, um 1902), oder in den magischen Ölmalereien Odilon Redons („La Coupe du Devenir“, 1894), der eine Welt der Hybriden auf Leinwand und Papier erschaffen hat, die von Jean Carriès’ skulpturalen Mischwesen ergänzt werden.

Schließlich Max Ernst, dessen Werk nach Ansicht von Kuratorin Kort aufgrund der Ausstellung neu gelesen werden kann. Wie nahe der deutsche Künstler der Evolutionstheorie stand, zeigen brillante, mit natürlichen Formen spielende Drucke aus der Serie „Histoire Naturelle“ (1926), denen ein eigener Raum gewidmet ist, und düstere Visionen „Das 20. Jahrhundert“ (1955), mondbeschienenes Fossil einer Gesellschaft. Und Darwin, am 12. Februar vor 200 Jahren geboren? Der blickt im Porträt J. B. Messers (nach John Collier, 1912) gefasst und ein wenig abwesend. Den Hut in der Hand, scheint er zum Gehen bereit. Als wollte er sagen: Ich habe mein Scherflein beigetragen. Macht was draus! CARSTEN MÜLLER

„Darwin – Kunst und die Suche nach den Ursprüngen“ bis 3. Mai in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle. Öffnungszeiten: Dienstag sowie Freitag bis Sonntag von 10 bis 19, Mittwoch und Donnerstag bis 20 Uhr. Dazu erschienen: Katalog (29,80 Euro) und Einführung.

Quelle: op-online.de

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