„Das Prinzip Kramer“

Bekenntnis zur Funktion

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Stuhl B403 F. Thonet (1927), Konferenztisch aus dem kd-Programm und Eron-Stühle (1959/60) sowie ein Nachbau der Packaged-Coffee-Tables (1950)

Frankfurt - Der Gestalter Ferdinand Kramer prägte das „Neue Frankfurt“. Das Museum Angewandte Kunst widmet dem Produktdesigner und Architekten jetzt eine umfassende Ausstellung.

Der Frankfurter (1898-1985) gehört zu den wichtigen deutschen Gestaltern des 20. Jahrhunderts. MAK, Goethe-Universität und Kramer Archiv haben über 100 Objekte, Zeichnungen und Fotografien zusammengetragen, die bis ins heutige Design nachwirken. MAK-Leiter Matthias Wagner K. dazu: „Typisch für ihn ist die Reflexion gesellschaftlicher Prozesse, das Mitdenken des - immer auch sozialen - Umraumes. Die veränderte Sicht des ,Prinzips Kramer‘ bedeutete Einfachheit, Klarheit, Benutzbarkeit, Variabilität und Langlebigkeit der Dinge. Innovative Gestaltung hieß bei ihm aber nicht, alles neu zu erfinden, sondern mit Augenmaß das funktionierende Alte mit notwendigem Neuem zu verbinden.“ In der Ausstellung erkennt man den unbeirrbaren Willen zur Funktionalität, parallel zu Tendenzen des Weimar-Dessauer Bauhauses und Stuttgarter Werkbundes. Klar gestaltete Lampen, sein von Buderus gegossener Volksofen, stapelbare Stühle, Klein- und Typenmöbel, auch genormte Fenster- und Türbeschläge, stehen für das „Neue Frankfurt“ der 20er Jahre, das Kramer mit Ernst May prägte.

Kramer war von 1925 bis 1930 im Frankfurter Hochbauamt zuständig für die Typisierung architektonischer Elemente und das Entwerfen neuer Systemmöbel. Dafür stehen seine Decken- und Wandleuchten, funktionale Tür- und Fensterdrücker mit einfach gebogenem Hals aus Weißbronze und auch „Thonet-Stühle B- 78-7“ für Frankfurts Schulen und Kindergärten. Zusammenklappbare Tellergestelle, Klapptische mit drehbarer Platte oder Liegen aus Eschenholz und Lederriemen konnten kaum einfacher und zeitloser gedacht sein. Deshalb wurde Kramers „Obernzenner Sofa“ von 1928 erneut ins Möbelprogramm der Uni von 1953 aufgenommen.

Handwerklich fitgemacht hatte sich der Pionier zuvor in Schreiner- und Schlosserwerkstätten, wo er z.B. Tee- und Wasserkannen aus Kupfer und Messing herstellte, die auf dem Markt fehlten. Im NS-Deutschland führte so viel neues Denken 1937 zum Berufsverbot, Kramer emigrierte 1938 in die USA. Im Designstudio von Norman Bel Geddes und als Architekt für das „Institute for Social Research New York“ verfolgte er seine Ideen weiter und wurde auch dort Entwerfer flexibler Möbel und neuartiger Ladenbausysteme. Seine Hits waren Miniküchen auf Rädern, ein „Knock-Down Furniture Armlehnsessel“, der genial einfache „Packaged Coffee Table“ oder Wegwerftische für Coca-Cola-Werbung und der elegante Wegwerf-Schirm „Rainbelle“. 1952 kehrte Kramer nach Frankfurt zurück, wurde Baudirektor der zerstörten Goethe-Universität, verantwortete die gesamte Neuplanung samt Um- und Neubau von 23 Großarchitekturen.

Die Hartz-IV-Wohnung

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Das „Prinzip Kramer“ prägte eine Ausstattungsstrategie mit ausziehbaren Tischen, Rollschränken, Seminarstühlen mit Schreibplatte, Stehpulten und Wandregalen - und dem „Kramer-Stuhl“ aus den 20ern. Vom Logo der Universität über Rollcontainer, Konferenztische bis zu den Kleiderhaken sieht man: Kramer war kein selbstgefälliger Gesamtkunstwerker, sondern nüchterner Pragmatiker. Das blieb er auch nach der Pensionierung, als er mit Ehefrau Lore Kramer, Professorin an der Offenbacher HfG, vieles entwarf, was heute ein Revival findet.

  • „Das Prinzip Kramer. Design für den variablen Gebrauch“ vom 6. Februar bis 7. September im MAK Frankfurt, Schaumainkai 17. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 10-18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr

Quelle: op-online.de

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