Aufnahmen aus Tschetschenien

Rauch über Grosny

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Explosion oder Feuerwerk? Das fragt sich der Betrachter angesichts des Funkenflugs und der dichten Rauchwolken in Grosny. Die Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tschetschenien war Schauplatz zweier erbittert geführter Kriege.

Frankfurt - Das Frankfurter Fotografie Forum zeigt Arbeiten von Davide Monteleone. Der Italiener dokumentierte den Alltag im vom Krieg zerstörten Tschetschenien. Von Eugen El 

Ein Feuerwerk? Oder doch eine Explosion? Weil diese Fotografie nicht irgendwo entstanden ist, sondern in Grosny, Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tschetschenien, ist man sich nicht so sicher. War doch dieses Land in den 1990er und 2000er Jahren Schauplatz zweier Kriege, mit denen Russland eine Loslösung verhindern wollte. Im Bildhintergrund ist ein Gebäude zu sehen, das einen kyrillischen Schriftzug trägt: „Ramsan“ liest man. Der Rest ist von Rauch verdeckt. „Ramsan, danke für Grosny“, ergänzt Davide Monteleone. Der 1974 geborene, italienische Fotograf ist im Jahr 2013 vier Monate lang durch Tschetschenien gereist. Möglich wurde die Reise durch den Gewinn des Carmignac Gestion Photojournalism Award. Die französische Carmignac Stiftung finanzierte überdies eine Wanderausstellung und eine Publikation. Nach Stationen in Paris und Mailand sind Monteleones Fotografien unter dem Titel „Spasibo“ („Danke“) nun in den neuen Räumen des Fotografie Forums Frankfurt zu sehen.

Ramsan ist der Vorname des derzeitigen tschetschenischen Präsidenten Kadyrow. Vieles scheint sich, vor allem im nach der Kriegszerstörung neu aufgebauten Grosny, um ihn zu drehen. Eine Fotografie zeigt junge Ringer, die in einer Sporthalle trainieren. Während die Tribünen um sie herum leer sind, prangen auf der Rückwand der Sporthalle riesige Porträts von Wladimir Putin, Ramsan Kadyrow und dessen Vater, Achmad Kadyrow. Es scheint, als wären die drei Politiker die einzigen, die den Sportlern zuschauen. Die gewaltige Dimension ihrer Porträts lässt an den eigentlich überwunden geglaubten, sowjetischen Personenkult denken. „Vater, Sohn und der Heilige Geist“ seien hier abgebildet, sagt Monteleone nicht ohne bittere Ironie.

Wuchtige Landschaften und Alltagsszenen

In der Ausstellung sind wuchtige Landschaften ebenso zu sehen wie eindrückliche Porträts, Alltagsszenen und unwirtliche Stadtansichten. Alle Aufnahmen sind in Schwarz-Weiß gehalten, was ihnen zugute kommt. So werden sie der Gegenwart entrückt. Es entsteht eine wohltuende Distanz. Überhaupt sind Monteleones Bilder mehr als nur Dokumentation. Der Fotograf, der Russland schon seit 2001 kennt und auch Russisch spricht, zeugt ein untrügliches Gespür für Bildkomposition und Licht. Dem Betrachter ermöglicht er zuweilen irritierende Einblicke in einen kaum beachteten Teil des heutigen Russlands.

Auf einer Fotografie sieht man einen riesigen Neujahrsbaum auf Grosnys Hauptplatz. Im Hintergrund zeichnet sich eine monumentale, neu gebaute Moschee ab. Der russische Brauch des Neujahrsfeier als säkularer Ersatz für Weihnachten trifft hier auf eine sichtbare, selbstbewusste Religiosität. Auf ebendiesem Hauptplatz fand zum zehnten Jahrestag des neuen, moskautreuen Tschetscheniens ein Feuerwerk statt. Es war also doch keine Explosion zu sehen auf dem eingangs erwähnten Bild. Nun weiß man auch, wem man dafür „Spasibo“ sagen kann.

„Spasibo“ von Davide Monteleone bis 28. September im Fotografie Forum Frankfurt, Braubachstraße 30-32. Geöffnet: Dienstag sowie Donnerstag bis Sonntag 11–18 Uhr, Mittwoch 11–20 Uhr

Quelle: op-online.de

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