Dayanita Singhs Fotografien im MMK Zollamt

Von allen Seiten besehen

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„Image from File Room, 2013“

Frankfurt - Diese Fotografien muss man von mehreren Seiten betrachten. Sie zeigen Menschen und Maschinen und Möbel und erzählen von den Leidenschaften und den Tragödien, von Kunst, Leben und Arbeit auf dem indischen Subkontinent. Von Eugen El 

Die Einzelausstellung „Go Away Closer“ der 1961 in Neu-Delhi geborenen indischen Fotografin Dayanita Singh im MMK 3 (ehemals MMK Zollamt), einer Dependance des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, führt unkonventionelle Präsentationsmöglichkeiten der Fotografie vor Augen. Die über 700 in der Ausstellung gezeigten Bilder sind nach Themen und Motiven in frei im Raum stehende Aufbauten aus Teakholz integriert, die Singh als „Museen“ bezeichnet. Sie erinnern mal an Paravents, mal an Bücherschränke und laden dazu ein, umrundet zu werden. Auf der Rückseite zeigen viele der Displays eingebaute Regale, in denen weitere Fotografien lagern. Einem Archiv ähneln sie dabei und zeigen gleichzeitig, dass die Präsentation wandelbar ist, dass sie nur ein möglicher Ausschnitt des großen Bildbestandes ist.

Singhs Fotografien sind stets in Schwarz-Weiß gehalten. Eine ihrer Serien zeigt Industriemaschinen. Sie bekommen etwas Wesenhaftes, Beseeltes. Vielleicht schickt Singh damit einen Gruß an Bernd und Hilla Becher, deren Fotografien von Industrieanlagen aber ungleich lebloser wirken. Eine weitere Serie ist Männern gewidmet. Sie präsentieren sich in Amtsstuben, Fabriken, in Läden, auf Fotos, auf Porträts, oder auch als Wachspuppen. Nicht immer sind es Einheimische, so begegnet man mehrmals auch Günter Grass und dessen Verleger Gerhard Steidl, mit dem auch Singh zusammenarbeitet. In den Bildern entdeckt man immer wieder neue Detail. Eine Serie zeigt Möbelstücke, die, fotografisch inszeniert, viel von ihren Benutzern erzählen, von deren Intimität, deren gesellschaftlicher Stellung und damit auch von Klassenunterschieden

Indien jenseits folkloristischer Klischees

Immer wieder experimentiert Singh mit den erzählerischen Möglichkeiten der Fotografie. So zeigt sie mehrere Serien als kleinformatige, aufgeklappte Leporellos. In dieser Form entfalten die Bilder einen besonderen Rhythmus und eine geradezu lineare Narration. Im Eingangsbereich der Ausstellung sind überdies Buchobjekte zu sehen, auf deren Leineneinbänden Singhs Fotografien angebracht sind. Die Objekte werden sowohl einzeln präsentiert als auch innerhalb von Holzaufbauten und Rahmen. Singhs Fotodisplays und Archive lassen den Betrachter mehrfach genau schauen, assoziieren. Dafür muss man genügend Zeit mitbringen. Jedes von Singhs „Museen“ zeigt einen eigenen kleinen Kosmos, ein Fragment. Als Ganzes betrachtet, lässt Dayanita Singh den großen Kosmos Indien jenseits folkloristischer Klischees vor unseren Augen aufscheinen.

Die Ausstellung „Dayanita Singh. Go Away Closer“ ist bis 4. januar 2015 im MMK Zollamt, Braubachstraße, in Frankfurt zu sehen. Öffnungszeiten: Di -  So 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 20 Uhr

Quelle: op-online.de

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