Delbecks Frühstückstisch als Wandrelief

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Bronzestatue „Eberkopfjüngling mit Pflug“ (2005)

Respekt! Was der Happening-, Fluxus- und Objektkünstler Daniel Spoerri in seinem 80. Lebensjahr auf die Beine stellt, wirkt skurril und frisch wie eh und je. Den monumentalen Raum der Aschaffenburger Jesuitenkirche hat er vorzüglich genutzt, um sich und seine Kunst neu zu inszenieren. Von Reinhold Gries

Nicht mal seine Kunstgeschichte gewordenen „Fallenbilder“ (1960) wirken von gestern. Der Mitbegründer der Pariser „Nouveaux Réalistes“, als Daniel Isaac Feinstein 1930 in Rumänien geboren und 1942 von dort nach Zürich geflohen, hat soziales Leben direkt in die Kunst geholt. So befestigt er zum Beispiel die Reste des Frühstücks bei Familie Delbeck mit Kunstharz auf der Tischplatte und hängt alles als Assemblage-Relief an die Wand. Schaut man sich die „Eat Art“ seiner Sevilla-Tische des Schweizer Expo-Pavillons von 1972 an, so knüpft das an altniederländische Stillleben an.

Neugier weckt Spoerris Rezeptbibliothek, eine buchartig gereihte Assemblage von 1987, aus der man „Blutrezepte“ und „Hirnrezepte“ herausziehen und studieren kann. Während das Düsseldorfer „Restaurant Spoerri“, in dem auch Beuys gern tafelte, bereits Geschichte ist, scheint das Interesse an menschlicher Nahrungsaufnahme ungebrochen. Nicht nur, dass er in Hadersdorf ein Lokal mit spitzfindigen Bankett-Ideen eröffnet hat. Mit Essbarem und dessen Zubereitung beschäftigen sich auch „Brotteigobjekte“, bei denen aus sämtlichen Öffnungen in Schreibmaschinen, Schuhen, Traktorensitzen verbackener Teig herausquillt.

„Daniel Spoerri – Von den Fallenbildern zu den Prillwitzer Idolen“ bis 11. April in der Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg. Geöffnet: Dienstag von 14 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

Aber Spoerri wäre nicht er selbst, wenn er sich nicht ständig neu erfände. Unschwer zu erkennen ist, wie in seine Objektkunst vielfältige Erfahrungen als Tänzer, Dichter, Bühnenbildner, Regisseur und Filmemacher einfließen. Nun hat der Kunst-Nomade im Schweriner Land Spuren „gottesdienstliche Alterthümer der Obothriten aus dem Tempel zu Rethra, am Tollenzer See“ wiederentdeckt. Die vermeintlich altslawische Kultur existiert real in metallischen Figuren sowie Darstellungen in Büchern und Stichen. Jedoch, diese legendären „Prillwitzer Idole“ und Heiligenfigürchen sind erst im 18. Jahrhundert geschaffen, von den Brüdern Jacob und Gideon Sponholz, geschäftstüchtigen wie fantasiebegabten Sammlern und Händlern. Sie produzierten die gefälschten Idole, um allgemeinen Bedarf nach Mythen zu decken – ein weiteres gefundenes Fressen für Spoerri.

Was der zwischen Fiktion und Realität jonglierende moderne Hexenmeister daraus gemacht hat, verblüfft nicht nur durch formale Größe. Bei bronzenen Doppelcollagen wie „Marstaucher“, „Krabbenmonster“, „Motorradtod“ und „Die Kuh, die lacht“ hat er Gusskanäle stehen lassen und in die Kompositionen einbezogen. Auch in Bronze installationen wie „Wippe“, „Tribulum“ und „Napoleonkükenbaum“ (2005-06) erweist er sich als Kunstmagier. Beim Betrachten seiner auf große Räder gesetzten Idolgruppe „Weißt du, schwarzt du?“ glaubt man fast, einen Streitwagen neu entdeckt zu haben. Die Suche nach Mythen scheint ungebrochen.

Quelle: op-online.de

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