Demontierter Ritter

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Mit großem Orchester ist das natürlich eine ganz andere Sache. Die Qualitäten, mit denen Michael Quast, der Gründer der Fliegenden Volksbühne, in seinem Zyklus der populärsten Operetten von Jacques Offenbach an der Frankfurter Oper aufwartet, sind primär anderer Art. Von Stefan Michalzik

Musikalisch hat er die Stücke freilich gemeinsam mit dem Klavierbegleiter Theodore Ganger solide erarbeitet. Quast ist ein hervorragend singender Nichtsänger. Seine Baritonstimme ist, den komödiantischen Erfordernissen nach, bisweilen auch als grotesker Koloraturbariton gefragt.

„Barbe bleue“, die Anverwandlung des Blaubart-Stoffes durch Offenbach und seine Librettisten Henri Meilhac und Ludwig Halévy, der die dritte von fünf geplanten Folgen galt, ist schon von vornherein als Travestie angelegt. Dem seine Frauen kurz nach der Heirat in Serie meuchelnden Unhold ist bei Offenbach als fachlicher Beistand der Professor Poplani beigesellt – der ein gutes Herz hat und den Tod der Frauen lediglich vortäuscht. Der Ritter Blaubart ist als Autorität wie als Macho im Sinne der Aufklärung demontiert und seiner Macht enthoben.

Er animiert das Publikum zum Mitsingen

Michael Quast setzt in der zusammen mit dem Autor Reiner Dachselt erstellten Textfassung eine weitere Travestieebene auf die Travestie drauf. Das beginnt gleich mit der Ouvertüre. Quast und Ganger stellen das Orchester dar. Einer singt die Melodiestimmen, einer die Begleitung, mit viel amüsantem Schmiss und Verweisen auf die Instrumentierung. Das ist lustig, doch schon hier ist erkennbar, dass Quast die Musik und das Stück durchaus ernst nimmt. Der Text ist in eine heutige Sprache gebracht. Da ist auch mal Platz für eine kabarettistische Anspielung.

Das Prinzip ist das einer ungetrübten Unterhaltung, mit einer möglichst hohen Dichte an Pointen. Unter den Möglichkeiten des komödiantischen Handwerks lässt Quast – wie immer – nichts aus. Boulotte, Blaubarts neueste Erwählte, pfälzert im breiten Dialekt. Es mangelt nicht an Kalauern, Grimassenspielen und Geräuschimitationen. Quast gibt dem Affen mächtig Zucker.

Er animiert das Publikum zum Mitsingen, zum gemeinschaftlichen Kussschmatzen gar, abgestuft vom Parkett über die Ränge. Eine Leistung von bemerkenswerter Virtuosität, das Schema freilich ist wohl bekannt. Von Quast überhaupt, und von dieser Offenbach-Serie im Speziellen. Hat man einen Abend gesehen, wird man von der Ouvertüre bis zur Verbeugung beim nächsten Mal alles wieder erkennen. Dem Amüsement war das nicht abträglich.

Quelle: op-online.de

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