Denk’ ich an Deutschland

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Es herrscht politische Eiszeit: Kathleen Morgeneyer, Joachim Nimtz und Sébastien Jacobi sind die Protagonisten eines in Kleinstaaten zersplitterten Landes.

Rasch nach seinem Erscheinen wurde Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ verboten. Und märchenhaft waren die Zustände, die der nach Paris emigrierte Dichter auf seiner Reise durch Deutschland wahrnahm, tatsächlich nicht: Von Meinungsfreiheit konnte keine Rede sein, es herrschten Zensur, Polizeistaat, politische Eiszeit. Von Astrid Biesemeier

In den Kammerspielen des Schauspiel Frankfurt findet das rückständige und in lauter Kleinstaaten zersplitterte Deutschland seine Umsetzung im Bühnenbild (Olga Ventosa Quintana): eine spießig-muffige Wohnzimmereinrichtung, in Teile zersägt. Und ein paar bunte Holzklötzchen sind wie eine Grenze durch die Kulissen aufgestellt. So weit, so klar.

Die Kritik allerdings, die Heine an den Verhältnissen äußert, ist nicht immer leicht verständlich: Es gibt Anspielungen auf die Zeit und Zeitgenossen, und manche Kritik äußert der Autor versteckt. Wahrscheinlich muss man das Versepos wirklich inszenieren wollen. Und ausreichend Zeit braucht man dazu auch. Doch Zeit hatte Regisseurin Bettina Bruinier nicht. Sie hat die Inszenierung, für die ursprünglich ein anderes Regie-Team vorgesehen war, übernommen. Das bedeutet, in sehr kurzer Zeit ein Konzept aus nichts zu zaubern.

Das Ergebnis ist nichts, das man sich nicht ansehen könnte – aber als gelungen mag man es auch nicht bezeichnen. Bruinier hat den Text auf Sandra Gerling, Kathleen Morgeneyer, Kornelius Heidebrecht, Sébastien Jacobi und Joachim Nimtz verteilt. Es ist eine Mischung aus gesprochenem Oratorium und einer szenischen Gedicht rezitation, die bisweilen den ironischen Unterton von Heines satirischer Schrift aufspießt.

Bruinier fügt dessen Text kaum etwas hinzu, geschweige denn münzt sie ihn auf heutige Verhältnisse um. Sie hat sich darauf beschränkt, ein paar Illustrationen zu finden, die etwas wie szenische Umsetzung vermitteln: Da malen sich Gerling und Morgeneyer mit rotem Lippenstift an, wenn davon die Rede ist, dass dem Ich auf dem Weg durch Köln das Herz blutet. Da werden Kohlköpfe zerschnibbelt, wenn von der altgermanischen Küche und dem Sauerkraut gesprochen wird. Als es um eine Höhle geht, verschwinden sie in einer Bodenluke.

Allenfalls wenn Nimtz als Barbarossa auftritt, der nicht nur seinen Text souffliert bekommen muss, sondern auch noch Adolf Hitlers Sprachduktus imitiert, sieht man so etwas wie eine Interpretation aus heutiger Sicht. Und auch für die betuliche und in ihrem Deutschland verhaftete Mutter findet Bruinier eine Umsetzung, die immerhin das Bühnenbild sehr schön zur Geltung bringt.

Weitere Aufführungen am 26. und 27. Dezember.

Quelle: op-online.de

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