Nüchterner Blick auf Gesellschaft

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Abgründe im inneren Monolog: Heidi Ecks als suspendierte Gymnasiallehrerin.

Frankfurt - Man fühlt sich gelinde amüsiert, am Anfang jedenfalls. Da ist allein schon die Erscheinung dieser Frau. Ihr zurückgebundenes graues Haar ist streng gescheitelt, über der hellblauen Seidenbluse trägt sie einen blauen Blazer, durch und durch altmodisch wirkt sie. Von Stefan Michalzik

Eine Lehrerin, und zwar eine vom alten Stil, der Gedanke drängt sich unmittelbar auf. Im Dinosauriersaal des Senckenberg-Naturmuseums hat der Regisseur Florian Fiedler für das Frankfurter Schauspiel eine gemeinsam mit der Dramaturgin Anita Augustin erstellte Bühnenfassung des Bildungsromans „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky inszeniert, der zurecht zu den literarischen Erfolgen des vergangenen Jahres zählte.

Inge Lohmark, die Biologie und Sport am Gymnasium in einer vorpommerschen Provinzstadt lehrt, gibt gnadenlos derb pointierte Urteile über ihre Schüler ab. Lese-/Rechtschreib- und andere Schwächen hält sie für bloße Marotten. „Alles eine Frage des Willens.“ Sie ist eine eiserne Darwinistin, die Gesetze der Natur sind ihrem Weltbild nach auch die der menschlichen Gesellschaft: Der Stärkere setzt sich durch. Die auf Förderung bedachten Unterrichtsmethoden ihrer Kollegen betrachtet sie mit Häme. Die Schule ist ihr eine Institution der Herrschaftssicherung, ein Ort der Ideologie, heute nicht anders wie in der einstigen DDR (womit sie ja noch nicht einmal Unrecht hat). Politische Korrektheit hält sie für Humbug. Dass man jetzt nicht einmal mehr von Menschenrassen reden darf. Blind müsse man da sein. Dass sich ein Eskimo von einem Neger unterscheidet, sehe schließlich jeder.

Aus dieser zwielichtigen Zuchtmeisterin im Geiste einer schwarzen Pädagogik hätte man eine leichtfüßige Kabarettnummer machen können. Sehr typisch ist diese Mittfünfzigerin in der Darstellung von Heidi Ecks schon, karikaturhafte Züge aber meiden Ecks/Fiedler sorgfältig. Letztlich erliegt diese Frau ihrer eigenen Weltsicht. Die Mittfünfzigerin steht auf verlorenem Posten, sie ist gleichsam ein Opfer im Sinne ihrer eigenen Ideologie.

Seit dem Mauerfall heißt die Schule Charles-Darwin-Gymnasium, früher war sie nach einem Widerstandskämpfer benannt. In vier Jahren soll sie geschlossen werden, es fehlt an Schülern. Die Region liegt danieder, die Leute ziehen weg. Lohmarks Ehemann hat sich nach dem Verlust seiner Arbeit als Besamer von Rindern in der volkseigenen Landwirtschaft manisch der Zucht von Straußen verschrieben. Die Tochter ist ausgewandert, sie hat wohl auch vor der gestrengen Mutter reißaus genommen, es wird nichts mit dem Traum von deren Familiengründung auf der elterlichen Scholle samt Enkelsegen.

Fein zeichnet Heidi Ecks das Psychogramm einer Frau, deren überkommene Überlebensstrategien zusehends ins Leere greifen. Inge Lohmark ist einsam. Beklemmende Träume bedrängen sie. Sie ruft zu einer Exkursion auf, Taschenlampen werden verteilt. Man folgt ihr in dunkle Museumssäle, Abgründe tun sich im inneren Monolog auf. Lohmark verfällt in Missbrauchsfantasien, ausgelöst von den grünen Augen ihrer Lieblingsschülerin. Nachdem herausgekommen ist, dass sie tatenlos zugeschaut hat, wie ein Mädchen von Mitschülern drangsaliert worden ist, suspendiert der Rektor sie vom Dienst. Ganz klein, kreaturhaft verloren steht sie nun da, in einem riesigen Saal.

Der Blick des Theaters ist so nüchtern wie der der Autorin. Er ist mitfühlend und frei von einem moralischen Urteil. Es ist nicht nur diese Figur, die betrachtet wird, es ist eine Gesellschaft in ihren Widersprüchen.

‹ Für die Aufführungen am 15. und 16. Dezember gibt es Restkarten an der Abendkasse.

Quelle: op-online.de

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