„Der Kaufmann von Venedig“ am Schauspiel Frankfurt

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Shakespeare, Wagner und Luther führt Kosky in seiner Inszenierung mit Wolfgang Michael als Shylock und Michael Goldberg als Antonio zusammen.

Frankfurt - Im blauen Bühnenvorhang ist ein Mensch eingewickelt. Nur seine Füße sind zu sehen. Ein Rabbi kommt, das jüdische Glaubensbekenntnis singend. Ein Messer blitzt in seiner Hand. Er macht sich an dem Körper zu schaffen, entblößt dessen Geschlecht. Von Veronika Szeherova

Ein paar Schnitte, und schon betrachtet er mit blutigen Fingern zufrieden sein Werk. Er packt es in eine durchsichtige Tüte und nagelt es an die Wand. Sie wird am Ende noch gebraucht werden, die Vorhaut.

Schon der Anfang von Barrie Koskys „Der Kaufmann von Venedig“ ist irritierend – ein Gefühl, das sich durch das gesamte Stück zieht. In seiner ersten Inszenierung am Schauspiel Frankfurt bedient sich der australische Regisseur nicht nur Shakespeares Vorlage, sondern auch einiger Schriften Martin Luthers, um sich mit der christlich-jüdischen Geschichte in Europa auseinanderzusetzen. Zu Shakespeares Zeiten standen Juden als Komödianten auf der Bühne. In Koskys Version sind sie nicht mehr die Spaßmacher.

Der jüdische Geldverleiher Shylock ist hässlich

Obwohl nichts beschönigt wird: Der jüdische Geldverleiher Shylock ist hässlich, rechthaberisch und gnadenlos. Er kaut ständig Nüsse, wirft die Schale herum, lacht dreckig, am meisten über sich selbst, und wirkt mit seinen fettigen Haaren, Dreitagebart, seinem ganzen Habitus wie der Proll vom nächsten Kiosk. Und doch ist er die einzige Figur mit echter Tiefe, das einzige Antlitz inmitten hohler Masken. Er hat eine Geschichte, ein Schicksal und eine ganz eigene Weisheit und Eloquenz.

Wolfgang Michael verkörpert ihn grandios, den jüdischen Geldverleiher, der dem venezianischen Kaufmann Antonio 3 000 Dukaten borgt. Antonio braucht das Geld für seinen Freund Bassanio, der um die reiche Porzia werben möchte. Doch da die vier Schiffe des Kaufmanns über die Weltmeere segeln und ihre Rückkehr ungewiss ist, ist er wenig kreditwürdig. Der Jude ist der einzige, der bereit ist, ihm das Geld zu leihen. Doch aus Rache an dem Christen, der ihn oft beschimpft hat, stellt er die Bedingung, dass er ihm, sollte er den Betrag nicht zum vereinbarten Termin zurückerhalten, einen Pfund seines Fleisches aus der Brust herausschneiden darf. Als zwei Schiffe Antonios sinken, besteht Shylock auf sein Pfand.

Die vorletzte Szene vor Gericht

Bis es zur vorletzten Szene vor Gericht kommt, vergehen mehr als drei Stunden. Stunden, in denen Menschen in modernen Business-Anzügen sich in shakespearscher Sprache um Geld und Wucher streiten und so den Aufführungsort nahe der Europäischen Zentralbank mit Bedeutung füllen. Stunden, in denen Arien von Richard Wagner wiedergegeben werden, kaum wiederzuerkennen, als Chansons übersetzt ins Jiddische. Einmal ertönt „Rheingold“, gesungen mit verzerrter Piepsstimme – von einem Schweinehintern. Eine Predigt von Martin Luther, eiskalt dargestellt von Peter Schröder, bereitet fast schon physisches Unbehagen. Es geht um die „verdorbenen“ Juden und ihren Einfluss auf die Gesellschaft, pseudotheologisch legitimiert und ins Extreme gesteigert. Am Ende steht Shylock mit heruntergelassener Hose da. Diesmal sind seine Finger blutbeschmiert. Er musste sich zum Christen machen.

Die menschliche Existenz ist ambivalent. So auch die Meinung der Zuschauer. Am Ende gibt es viel Applaus für die Schauspieler. Doch auch Buhrufe für die Regie.

Weitere Aufführungen am 19. Januar sowie am 1, 11. und 12. Februar. Karten gibt es unter Telefonnummer 069 21249494.

Quelle: op-online.de

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