Desdemona als Lichtgestalt

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Zwei für ein Ave Maria: Desdemona (Elza van den Heever) und Otello (Carlo Ventre) im Gebet zwischen Stühlen und Stiefeln auf grober Bretterbühne.

Frankfurt - Das Licht im Opernhaus ist noch nicht erloschen, da bricht auf offener Bühne der musikalische Sturm los. Ein Coup zu Beginn von Giuseppe Verdis „Otello“, in Frankfurt als packende Neuproduktion zu erleben. Von Axel Zibulski

Wenn der Chor der Zyprioten den venezianischen Flottenbefehlshaber begrüßt, hört man einen so vital-beseelten, geschärften Verdi, als hätte Generalmusikdirektor Sebastian Weigle nie etwas anderes als italienisches Fach dirigiert.

Der Sturm, den er mit dem fulminant differenzierungsstarken Opern- und Museumsorchester wie dem stattlich-präzisen Opernchor entfacht, fegt über rohe Planken. Die Bühne, die Dirk Becker für Regisseur Johannes Erath errichtet hat, erinnert an ein Schiff wie ans Theater William Shakespeares. Grob geschnittene Bretter, offener, fast leerer Raum mit Lichtbrücken und nackten Wänden – das ist kein Ort für Illusionen. So ist Otello kein Mohr; Tenor Carlo Ventre wird lediglich am Anfang wie am Ende der vier Akte von einem farbigen Statisten gedoubelt. Jagos Intrige hat ihn zum eifersüchtigen Mörder seiner Gattin Desdemona werden lassen, ein Außenseiter bleibt er letztlich. Vokal hat Ventre da zu offener, nachdrücklicher Strahlkraft gefunden, wie sie dem Rollendebütanten beim ersten Auftritt gefehlt hatte.

Lichtgestalt ist freilich eine andere. Verdis erstmals seit 25 Jahren in Frankfurt wieder szenisch gezeigter „Otello“ könnte „Desdemona“ heißen. Bei der Premiere, am Ende von einigen Buhs für die Regie begleitet, sorgt Elza van den Heever für eine Glanzleistung, mit der sie sich an die Weltspitze singt: Ihr bis zu den dramatischen Schlüsselmomenten warmer, voller, sonorer, kultivierter Sopran ist eine Ohrenweide, ihr Rollenverständnis hoch intelligent, mit einsam erreichten Gipfeln im Leisen. Ihr Lied von der Weide, ihr Ave Maria vor Otellos Mord bannen in ergreifender Schönheit und Innerlichkeit. Wie gut, dass Weigle das Hochfeine vorzüglich mit dem Orchester spiegelt.

Nächste Vorstellungen am 8., 11., 16., 21. und 26. Dezember, 1., 6., 14. und 22. Januar

Dass sich das späte Musikdrama des reifen Verdi konzentriert entfaltet, ist auch der Inszenierung zu verdanken. Unverstellt und illusionslos stellt er die Eifersucht, die Lüge, die Aggression Otellos, die Masse des Chors aus; mit Motiven wie einem Brautkleid, das zwischen den Personen heimatlos wandert; mit Rätselhaftem wie einem scheuen Reh, das von der Rückwand her alles beobachtet.

Das Militärische der heutigen Kostüme von Silke Willrett schärft das Grobe, bei Intrigant Jago zumal, dem Marco Vratogna seinen opulent dunklen, ein wenig hölzernen und jedenfalls bösen Bariton leiht. Claudia Mahnke ist in der wichtigen Partie von Jagos Gattin Emilia, die am Ende die Intrige aufdeckt, eine Luxusbesetzung. Teodor Ilincai debütiert als Hauptmann Cassio so fundiert wie Simon Bode als Edelmann Rodrigo.

Mit dem szenisch konzentrierten, musikalisch mitreißenden „Otello“ ist ein Coup gelungen! Opernfans, die sich Elza van den Heevers Weltklasse-Desdemona entgehen lassen, handeln grob fahrlässig...

Quelle: op-online.de

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