Dessous für das Dorf

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Sie können’s tragen: Frieda (Brigitte Goebel), Martha (Anette Krämer) und Hanni (Margit Sponheimer).

Wenn Martha nicht mehr will, legt sie sich einfach zum Sterben. Und die alte Dame will oft nicht mehr, seit ihr Göttergatte Hans das Zeitliche gesegnet hat. Nur klappt das mit dem Sterben nicht. Ständig reißt jemand sie aus der Lethargie. Von Markus Terharn

Und ihre drei besten Freundinnen bringen sie auf eine Idee: Martha, gelernte Schneiderin, soll im Laden in dem Nest Lau-Eschenberg eigene Dessous nach Pariser Art vertreiben! So erlebt das Quartett einen tollen „Altweiberfrühling“ in der gleichnamigen Komödie, die Sylvia Hoffman an Frankfurts Volkstheater inszeniert hat.

Funktioniert hat diese so bewegende wie komische Geschichte schon auf der Kinoleinwand. „Die Herbstzeitlosen“ hieß der schweizerische Streifen von Sabine Pochhammer und Bettina Oberli, den der Österreicher Stefan Vögel für die Bühne adaptiert hat. Wolfgang Kaus hat dem Stoff eine hessische Mundartfassung verpasst und den Stücktitel in eine schönere Jahreszeit verlegt. Das Motto: „Herbst is woanderster!“

Dem hohen Sprechtempo, das die Regisseurin anschlagen lässt, entspricht die Spielgeschwindigkeit. Hoffman hat mit den Damen vier sehr unterschiedliche Charaktere entwickelt, die miteinander agieren, dass es eine Freude ist. Der Spaß ist ihnen anzumerken, der Funke springt sofort aufs Publikum über.

Dafür sorgt zunächst Volkstheater-Urgestein Anette Krämer in einer weiteren ihrer zahlreichen Glanzrollen. Mit lockerem Mundwerk und trockenem Witz lässt sie die lustlose Witwe schrittweise aufblühen. Und wenn die mit ihrem toten Mann spricht, erhält ihre komplexe Figur eine beträchtliche Tiefe.

Eine echte Neuentdeckung für die Liesel-Christ-Bühne ist die TV-erprobte Mimin Brigitte Goebel. Der eleganten Frieda verleiht sie regelrecht mädchenhaften Charme und anrührende Verliebtheit – ohne dass man das Objekt ihrer Begierde zu sehen bekäme.

Als immer wieder gern gesehener Gast gibt die Mainzer Frohnatur Margit Sponheimer das Landei mit Herz. Ihre Hanni ist eine einfache Frau, die unter der Demenz ihres Partners leidet und den Ausbruch wagt, indem sie noch den Führerschein macht.

Bekannt aus Komödie und Fritz-Rémond-Theater ist die Offenbacherin Ilona Wiedem. Ihre stark amerikanisierte Lizzie („Yes you can, Madda!“) stellt sich ihrer Lebenslüge; ein überzeugender Wandel.

Im Programm bis 16. Januar

Bei solch geballter Frauenpower bleiben den Männern – Detlev Nyga als bornierter Bürgermeister, Steffen Wilhelm als nicht ganz kirchentreuer Pfarrer – die Verlierertypen. Auch wenn dieser mit der jungen Shirley (Myriam Tancredi) am Ende ebenfalls einer neuen Existenz entgegengeht. Der Premierenjubel, der Rainer Schönes Kulisse und die Kostüme von Bärbel Christ-Heß und Claudia Rohde einschloss, war gewaltig.

Quelle: op-online.de

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