„Der Zeuge“ im Museum für Moderne Kunst

Auf der Höhe der Zeit

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Theater im Museum, alles andere als museal: Nyamandi Mushayavanhu, Alina Vimbai Strähler und Till Weinheimer.

Frankfurt - Ein Pressefoto von Gräueltaten geht um die Welt, es wird zur medialen Ikone, der Fotograf mit Preisen gekrönt. Vivienne Franzmanns Stück „Der Zeuge“, jetzt vom Schauspiel Frankfurt im Museum für Moderne Kunst erstaufgeführt, erzählt von Geschichten hinter diesem Bild. Von Stefan Michalzik 

Es stellt sich heraus, das das Foto entgegen dem dokumentarischen Anspruch arrangiert wurde. Ist das Handeln des Fotografen verwerflich gewesen? Hat er tatsächlich, wie er es behauptet, die Weltöffentlichkeit aufrütteln wollen oder ist er bloß auf den spektakulären Erfolg, auf Ruhm und Ehre ausgewesen? Inwieweit ist der Authentizität von Fotografie zu trauen?

Das sind nicht die einzigen Fragen, mit denen sich die englische Dramatikerin, Jahrgang 1971, beschäftigt. Die deutsche Erstaufführung zeigt das Frankfurter Schauspiel in einem Saal des MMK. Die - künstlerische, nicht dokumentarische - Fotoserie „Another Day Without You“ von Franck Abd-Bakar Fanny, die dort hängt, ist ein Teil der Ausstellung „Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler“. Sie zeigt die kühle Leere von Treppenhäusern in einem modernen Ambiente.

Eine Familiengeschichte: Die junge Alex - offensiv jugendlich und charmant: Alina Vimbai Strähler - kommt nach Hause zu ihrem Vater Joseph in London. Joseph ist lange Zeit als Fotograf in Krisengebieten unterwegs gewesen, inzwischen ist er verwitwet, er ist wohlstandsverlottert und trinkt - Till Weinheimer wirkt fast wie ein deutscher Robert de Niro.

Traumata brechen auf

Alex ist sein Adoptivkind, er hat sie als einzige Überlebende ihrer Familie vor zwanzig Jahren beim Völkermord in Ruanda gerettet, das Foto des heulenden Babys auf einem Berg von Leichen ist sein bekanntestes. Die einzige Überlebende? Alex forscht nach ihrer Identität, als sie für eine Ausstellung die Bilder ihres Vaters durchgeht, stellt sie fest, dass die berühmte Aufnahme manipuliert worden ist. Ein Bruder von ihr lebt, er reist an.

Traumata brechen auf, Gefühle prallen unerhört heftig aufeinander. Zwei Stühle stehen nur auf der Bühne, das ist symbolisch, für einen Dritten scheint kein Platz zu sein, in unterschiedlichen Konstellationen. Alex und ihr Bruder Simon - Nyamandi Mushayavanhu - erkunden sich spielerisch wechselseitig, sie wirken ausgelassen wie Jungverliebte. Dem Vater geht das alles gegen den Strich, im Affekt unterstellt er Inzest, er wird ausfallend und wirkt widerlich, obgleich er im Kern nichts anderes als der sorgend liebende Vater ist.

Geschliffen verknappte Dialoge

Im Schicksal von Simon spiegeln sich die postkolonialen Verhältnisse wider, es ist abhängig vom Wohlwollen und Geld einer Patenfamilie in Norwegen. Joseph erinnert sich daran, dass auch er eine solche Patenschaft übernommen hat, für irgendeine „Wie heißt sie gleich noch?“ in Indien.

Der Zynismus der Verhältnisse spricht in dem Kammerspiel mit den geschliffen verknappten Dialogen nach angloamerikanischer Art für sich. Es ist hervorragend, es sollte seinen Weg über die Bühnen machen; die junge Regieassistentin Leonie Kubigsteltig setzt es mit einer Annäherung an den Spielfilmrealismus um, das geht prächtig auf. Wie im Kino üblich sind es drei hochattraktive Schauspieler, die ihre Sache allesamt ausgesprochen gut machen. Begleitet von einer dezenten elektronischen Musik werden immer wieder sinnstiftend Bilderfluten per Video (Adrian Figuerda) eingespielt, Jugendfotos der Darsteller, andere Aufnahmen erinnern an Popvideos oder Modestrecken in Zeitschriften. Das ist unmittelbar wirklichkeitshaltiges Theater auf der Höhe der Zeit.

Weitere Aufführungen am 15. und 17. April sowie am 17. und 18. Mai.

Quelle: op-online.de

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