Deutschland – eine Baustelle

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Wo Kollegen seiner Zunft sich gern in opulenten Kulissen produzieren, genügen Mathias Richling in der Offenbacher Stadthalle wenige Requisiten.

Wo Kollegen seiner Zunft sich gern in opulenten Kulissen produzieren, genügen Mathias Richling in der Offenbacher Stadthalle wenige Requisiten: Einen in Schwarz, Rot und Gold bemalten Bauzaun flankieren eine Straßenmülltonne, eine auf Gerüst drapierte Weltkugel und eine Schubkarre. Von Ferdinand Rathke

Seitlich gruppieren sich Gartenzwerge um einen Tisch. Brille, Sakko und Wendejacke dienen als unersetzliche Komponenten. Auch wenn der 1953 in Waiblingen geborene Schwabe die Berufsbezeichnungen Kabarettist, Parodist, Autor und Moderator in sich vereint, ist er doch in erster Linie ein ausgezeichneter Schauspieler.

Ohne Punkt und Komma redet sich Richling in wechselnden Rollen in Rage. Von Guido Westerwelle über Annette Schavan bis zu Oskar Lafontaine reicht die Palette. Aber auch Schatten politischer Vergangenheit wie Ulla Schmidt, Michael Glos und Franz Müntefering tauchen auf. Authentisch parodiert sich Richling durch die Berliner Politszene. Vor permanenter Erschütterung des Zwerchfells bemerkt der Zuschauer so manche Weisheit nicht: „Macht macht jeden konservativ. Moral kommt stets von den Linken – solange sie nicht regieren.“

Ein-Mann-Kreuzzug für Redlichkeit

Richling zählt zur Minderheit der Aufrechten, die sich nicht von ihrer eigenen Prominenz beeindrucken lassen. Hinter einem wie von Shakespeare inszenierten Monolog versteckt sich ein Ein-Mann-Kreuzzug für Redlichkeit und gerechte Lebensweise. Ein aussichtsloser Kampf ist das angesichts von Korruption, Betrug, Selbstsucht und Hinterhältigkeit allerorten.

Rasch wird klar: Deutschland entpuppt sich als ewige Baustelle, da helfen keine Konjunkturprogramme. Und schon gar nicht die neue Bundesregierung, die nach so genannter Liebesheirat so sehr mit internen Probleme kämpft, dass die große Koalition wohl als goldene Ära in die Annalen eingehen wird.

Doch Richling reißt nicht die gewohnte Nummernrevue runter, wenn er mit Reizthemen zwischen Opel, Afghanistan, Migranten, Berlusconi, Putin und Weltklimagipfel – jeden Tag neu aktualisiert, versteht sich – von Hölzchen auf Stöckchen gelangt. In geradezu virtuoser Rhetorik, das macht er nachdrücklich klar, verbindet sich aktuelles Weltgeschehen mit philosophischem Diskurs.

Schon legendär ist seine mit herabgezogenem Mundwinkel getätigte Parodie der Kanzlerin, die wie ein Damoklesschwert über Deutschland hängt. Schlicht grandios, wenn er Angela Merkels Dominanz zuerst auf der Couch im Zwiegespräch mit dem Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freund seziert, um sie zur Zugabe mit Bundespräsident Horst Köhler in ein Streitgespräch zu verwickeln, wer von ihnen Weihnachts- respektive Silvesteransprache hält. Zwischendurch schwadroniert er als schwäbischer Rentner über die Vorzüge des Komas, erklärt als Albert Einstein die ganz besondere Relativitätstheorie.

„Die Lüge ist unsterblich – die Wahrheit stirbt jeden Tag“, konstatiert Richling sein fatales Weltbild. Doch wenn es so vergnüglich dargeboten wird, lässt sich auch das ertragen.

Quelle: op-online.de

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