Jenseits des Stacheldrahts

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Endlagernde Götter: Elisabeth Hornung als Erda und Ralf Lukas als Wotan.

Darmstadt - Die Wotantreuen haben sich ihr Walhall als Atomkraftwerk bauen lassen, das Orchester reckt sich zum „Rheingold“-Finale. Da gehen im Parkett die Türen auf: „Falsch und feig ist, was dort oben sich freut“ hat eine hereinströmende Spontanversammlung den Rheintöchtern fürs Protestbanner abgelauscht. Von Axel Zibulski

Der Regie-Einfall eines derart demonstrierenden Bildungsbürgertums erregt seinesgleichen freilich kaum mehr: Im Publikum protestieren nur einzelne „Buh“-Rufer gegen den Protest.

Das war 1985 noch anders. Damals hat John Dew, jetzt als Intendant im Staatstheater Darmstadt für den gerade begonnenen „Ring des Nibelungen“ verantwortlich, schon einmal demonstrierende Statisten ins Theaterparkett geschickt. Und am Doppeltheater Krefeld/Mönchengladbach war die Hölle los. Seinerzeit, als mancher der Eröffnung von Neckarwestheim zwei oder Mülheim-Kärlich entgegenfieberte und die Fronten noch klar waren: Ost/West, Kapitalist/Öko, Konservativer/Sponti. Als jeder wusste, auf welcher Seite eines Stacheldrahts er zu stehen hat, den es bei Dew und seinem Ausstattungs-Team Heinz Balthes (Bühne) und José-Manuel Vazquez (Kostüme) übrigens auch wieder zu sehen gibt.

Politisches Spannungspotenzial verloren

Denn nicht alles wird anders. John Dews „Ring des Nibelungen“ zum Beispiel. Viel zitiert er im „Rheingold“ von früher, von der Premiere vor einem Vierteljahrhundert am Niederrhein. Oder vor acht Jahren in Wiesbaden, als er sein „Ring“-Konzept schon einmal recycelte. Mehr noch als damals positionieren wir uns heute freilich tapfer gegen diese Götter, die sich allen Ernstes noch solch ein endlagerheischendes Terrorangriffsziel auf die Hinterbühne stellen. So hat Dews „Rheingold“ als Wagnerscher Weltendrama-Auftakt im Jahr von Fukushima zwar vordergründig Aktualität gewonnen, politisches Spannungspotenzial aber letztlich verloren.

Auch wenn der Zeitenwechsel dem Konzept einen durchaus aparten Lichtwechsel verleiht, weil wir ums Scheitern dieser nukleargläubigen Götter-Fossile ganz sicher schon im „Rheingold“ wissen. Gegenüber Dews Wiesbadener Version wirkt die Darmstädter Inszenierung pointenentschlackt. Und an Göttern im Business-Anzug – keineswegs nur bei Dew – haben wir uns allmählich sattgesehen, ohne dass jetzt gleich dem Wotanwams das Wort geredet sei.

Vereinzelt Pathos

Andere Moden prägen die musikalische Seite. Darmstadts junger Generalmusikdirektor Constantin Trinks entzaubert das Es-Dur-Vorspiel in überdröger Langsamkeit, mit der er bald auch den bereits in Wiesbaden zu hörenden Wotan des Ralf Lukas in Bedrängnis bringt. Immerhin: Trinks gönnt sich und uns im Laufe des Abends zunehmend kernig-dramatische Momente, wagt, warum nicht, vereinzelt Pathos, während bei Ralf Lukas möglicherweise eine Indisposition auf die Stimme schlägt. Mit dem belcantotenoral feinen Loge von Arnold Bezuyen als findigem Albert-Einstein-Double und dem nachtschwarzen Alberich-Bass von Olafur Sigurdarson kann Darmstadt freilich auch beglückenden Wagner-Gesang bieten.

Das weitere Ensemble besticht durch ausgeglichene Solidität, etwa dank Gundula Hintz (Fricka), John In Eichen (Fasolt), Oleksandr Prytolyuk (Donner) oder Lucian Krasznec (Froh). Einzig Elisabeth Hornungs intonationsentglitten mahnende Erda-Rufe mag man nicht hören. Zufall? Das kaum mehr provozierte Publikum feierte den „Ring“-Vorabend überwiegend kräftig; am 26. Juni folgt in Darmstadt „Die Walküre“.

Quelle: op-online.de

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