Die Bomben der Bohème

+
Dora (Henrike Johanna Jörissen) erfährt revolutionäre Widersprüche am eigenen Leib. Foto: Hupfeld

Die Box des Frankfurter Schauspiels, in der Manier einer Baracke ins Foyer eingebaute Experimentierbühne, ist kein übler Ort für eine Aufführung des Stücks „Die Gerechten“ von Albert Camus. Von Sebastian Hansen

Vor dem Hintergrund einer historischen Begebenheit verhandelte der französische Dramatiker in dem 1949 entstandenen Werk Fragen einer revolutionären Moral.

Es spielt im Kreis einer terroristischen Gruppe im zaristischen Russland des Jahres 1905. Der Großfürst soll mit einem Bombenanschlag umgebracht werden. Janek, der die Tat ausführen soll, nimmt bei einem ersten Versuch davon Abstand, weil unerwartet zwei Kinder mit in der fürstlichen Kutsche sitzen.

Die junge Regisseurin Karoline Behrens macht sich die Enge des Raumes zunutze. Die Zuschauer, an allen vier Seiten um ein zentrales Podium postiert (Bühne: Olga Ventosa Quintana), sind einesteils ganz nah dran. Zugleich verschafft ein engmaschiges Gittergeflecht eine Distanz im Blick auf die dergestalt gepixelten Figuren. Camus’ Stück ist ein Thesendrama, es ist papieren, die Figuren sind reine Ideenträger. Das weiß die Regisseurin. Sie begegnet diesem Umstand mittels einer extrem hitzigen körperlichen Unmittelbarkeit, die eine in diesem Ausmaß heute auf dem Theater selten anzutreffende Intensität herstellt. Erotische und politische Motive überlagern sich.

Bendedikt Greiner spielt knallharten stalinistischen Eiferer Stepan

Die Brauntönen Kostüme von Lene Schwind verweisen zum Teil auf das alte Russland. Besonders die von Henrike Johanna Jörissen gespielte Figur der Bombenbauerin Dora scheint am stärksten in dieser Zeit verhaftet zu sein, derweil die Männer letztlich doch in Erscheinung und Gehabe jungen Menschen aus der intellektuellen Bohème unserer Tage nahekommen.

Weitere Aufführungen am 21. und 28. Mai. Karten gibt es unter Tel.: 069/212 49494

Bei Benedikt Greiner, der den knallhart stalinistischen Eiferer Stepan spielt, steht die lockenköpfig-feingeistige Gestalt in einem offenen Widerspruch zu der Rolle. Das lässt sich, auch wenn es wohl ungewollt sein mag, als augenfällige Manifestation einer Distanz unserer heutigen Lebenswirklichkeit zu den Umständen der Entstehungszeit des Stücks auffassen. Christoph Pütthoff bleibt als Borja, Chef der Gruppe, am wenigsten klar konturiert. Moritz Pliquets Janek trifft sich in seinem tief empfundenen Idealismus mit der aufbegehrend auf die Liebe – und nicht den für die Ideale verderblichen Hass – als Triebfeder des Handelns beharrenden Dora, die immer mehr von der Gewalt der Widersprüche der revolutionären Praxis erfasst und puppengleich wie leblos umhergeschleudert wird.

Beachtliche Stringenz

Im Gefängnis, nachdem er das Attentat im zweiten Anlauf doch verübt hat, das Gittergeflecht ist gefallen, treten ihm dieselben Mitschauspieler, nun als Polizeipräfekt, als Mitgefangener und Henker in Personalunion und als die Witwe des Großfürsten erneut entgegen. Noch einmal fallen Sätze aus den zuvor geführten Debatten der Revolutionäre.

Karoline Behrens ist es geglückt, diesem in seiner Zeitbezogenheit für das heutige Theater nicht unkomplizierten Stück in einer Reduktion auf einen zeitlosen Gehalt beizukommen. Die Stringenz dieser Theaterarbeit ist beachtlich.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare