„Die Menschen sind zu vielem bereit“

Bestseller-Autorin Zoë Beck liest in Offenbach aus „Paradise City“

Krimiautorin Zoë Beck, geboren 1975 im mittelhessischen Ehringshausen, wurde 2016 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Am Sonntag liest sie in Offenbach in der afip! aus ihrem neuen Thriller.
+
Bestseller-Autorin Zoë Beck, geboren 1975 im mittelhessischen Ehringshausen, wurde 2016 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Am Sonntag liest die Wahl-Berlinerin in Offenbach in der afip! aus ihrem neuen Thriller.

Offenbach – Pandemien und Antibiotikaresistenzen sind überstanden, der Meeresspiegel ist so weit angestiegen, dass die Küsten kaum mehr bewohnbar sind. Die Hauptstadt von Deutschland ist nicht mehr Berlin, sondern Frankfurt: eine Megacity mit zehn Millionen Einwohnern. Und dann ist da diese dubiose Gesundheitsapp... In ihrem neuen Thriller „Paradise City“ entwirft Zoë Beck, vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, Verlegerin und Übersetzerin (u.a. von Sally Rooney), ein unheimliches Bild der Zukunft. Wir haben mit ihr über Daten, Dystopien und Verschwörungserzähler gesprochen.

Ihr Roman spielt zum Großteil in Frankfurt. Warum ist in Ihrer Zukunftsvision gerade die Metropole am Main deutsche Hauptstadt?

Aus verschiedenen Gründen. Geografisch ist Frankfurt verkehrsgünstiger gelegen als Berlin, das Rhein-Main-Gebiet ist gut vernetzt, es gibt einen funktionierenden Flughafen, Frankfurt ist ein Finanzzentrum. Historisch gesehen war die Stadt immer wichtig. Frankfurt sollte ja sogar mal BRD-Hauptstadt werden, dann fiel die Wahl auf Bonn. Das hat mich als Kind unglaublich gestört. In meinem Buch habe ich mir sozusagen einen Kindheitstraum erfüllt.

Sie haben 2018 angefangen, das Buch zu schreiben. Warum haben Sie sich für einen dystopischen Roman entschieden?

In meinen früheren Büchern hatte ich gerne Großbritannien als Schauplatz. Das letzte Buch spielt in London in einer nahen Zukunft, nach dem Brexit. Dann dachte ich mir, dass ich mich nicht nur ein paar Jahre vortasten, sondern direkt ein ganzes Stück vorausgehen könnte. Diese Freiheit, in die Zukunft zu denken, hat mir großen Spaß gemacht.

Es scheint ein wenig, als hätten Sie die Corona-Pandemie vorausgesehen. Was Sie natürlich nicht konnten.

Richtig.

Ihr Buch trifft jedenfalls den Nerv der Zeit: Wir befinden uns ja tatsächlich an einem Wendepunkt. Unser bisher gekanntes Leben funktioniert nicht mehr, wir müssen dringend die Weichen für eine zukünftig funktionierende Gesellschaft stellen. Das betrifft die Umweltpolitik, die Arbeitswelt, das Gesundheitswesen, die Forschung, die Wohnpolitik, die Chancengleichheit ... Wie erleben Sie diese Zeit gerade; was sind für Sie die drängendsten Fragen?

Ein paar dieser Fragen habe ich versucht, in meinem Roman umzusetzen: In meiner Zukunft haben wir, was die Klimapolitik angeht, gerade noch die Kurve gekriegt. Was die Chancengleichheit betrifft: Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht spielen keine Rolle mehr. Einige Dinge, die ich gerne sehen würde, habe ich also einfach im Roman schon mal umgesetzt. Allerdings geraten diese Ziele gerade zugunsten anderer wieder ins Hintertreffen. Auf einmal hat Corona Vorrang, nach dem Motto: „Die Umwelt können wir später noch retten.“ Können wir natürlich nicht! Es wird versucht, Branchen am Leben zu erhalten, die eigentlich nicht mehr zeitgemäß sind, zum Beispiel im Energiebereich. Das macht mich gerade ganz unruhig.

Was würde Sie beruhigen?

Ich würde mir wünschen, dass wir die Gesellschaft viel radikaler umbauen. Vor allem die Wirtschaftssysteme, die Sozialsysteme, das Geldsystem. Wir haben doch eigentlich genug auf der Welt, nur müssen wir für eine bessere Verteilung sorgen. Also: weniger Wettbewerb, mehr Verteilung! Zugleich aber sehe ich Tendenzen, auch bei mir selbst, die in eine Art Zukunft führen, wie ich sie im Roman beschrieben habe. Wir haben unsere Corona-App, und man hätte eigentlich gerne mehr Informationen: Wann hatte ich die Risikobegegnung, wo, wer war’s? Ich bin manchmal an dem Punkt, wo ich denke: Guck, leider hatte ich in meinem Buch Recht. Wenn wir selbst von etwas bedroht sind, dann sind wir auch bereit, eine ganze Menge preiszugeben. Hauptsache, man selbst ist gesund.

In „Paradise City“ gibt es eine Gesundheitsapp, die einen rund um die Uhr überwacht und von einem allwissenden, autoritären Staat betrieben wird. Haben die Menschen da nicht zu viel Verantwortung, zu viel persönliche Freiheiten abgegeben für einen viel zu hohen Preis? Würde Sie gerne in dieser Zukunft leben?

Als kleine Hypochonderin: Ja. So eine App ist doch prima, wenn ich durch sie die Garantie hätte, immer gesund zu sein. In meiner Zukunft haben wir 70, 80 Jahre hinter uns, in denen viele Menschen elendig an Pandemien gestorben sind. Das sind im Grunde so etwas wie Kriegs-Traumata. Dann sind Menschen zu vielem bereit, um ein Stück Frieden und Ruhe zu bekommen. Und es wird ja noch mehr geboten: eine tolle Wohnung, ein guter Job. Was sind schon die paar Daten, die ich preisgebe ... Also zumindest denken viele Leute doch so.

Die perfekte Versorgung scheint mir in „Paradise City“ aber nicht aus einem humanistischen Anliegen heraus entstanden zu sein. Geht es hier denn wirklich darum, dass es dem Menschen gut geht, dass er ein zufriedenstellendes Leben führen kann?

Es geht natürlich um etwas ganz anderes. Darum, dass die Kosten überschaubar sind, und kranke Menschen sind teuer für ein System – dann lieber Vorsorge als Pflegefälle. Das andere ist, dass sich jeder Staat finanzieren muss. Deutschland hat natürlich keine Ressourcen, die in 100 Jahren auf dem Weltmarkt etwas einbringen. Man braucht also etwas zum Handeln. Möglicherweise sind das Daten …

Tatsächlich ist es ja so, dass wir ziemlich schludrig mit unseren Daten umgehen, kritiklos Apps installieren und Programme wie Facebook, Google und Instagram nutzen, es in Kauf nehmen, dass wir von unserem Handy, Alexa oder unserem Smart-TV ausspioniert werden. Wie viel „Paradise City“ haben wir heute schon?

Viel mehr als ich gedacht hatte. Während des Schreibens habe ich Artikel gelesen, in denen es um die Sachen ging, die ich mir gerade ausgedacht hatte. Die gab es dann also schon. Da überholt einen die Gegenwart sehr schnell.

Die staatlich gelenkte Zeitungslandschaft, die Sie beschreiben, ist eine, die in den heutigen Verschwörungserzählungen bereits in der Realität existiert. Sie glauben, Nachrichten und Meinungsmache würden von einer höheren Macht gesteuert...

Genau das war meine Ausgangssituation. Als ich den Roman anfing, wusste noch niemand etwas von Corona. Ich habe mir nur gedacht; diese ganzen Verschwörungserzähler, die sagen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei ein Staatsfunk, die sind doch irre. In dieser Zukunft im Buch gibt es wirklich einen Staatsfunk und so gut wie keine freie Presse mehr.

Können Sie die Anhänger von Verschwörungsmythen denn in einer Weise verstehen?

Ich versuche es, aber ich kann ihre Weltsicht einfach nicht nachvollziehen, da bin ich zu logisch für. Was mir Angst macht ist, dass sogar Kolleginnen und Kollegen betroffen sind, denen ich das vor Corona niemals zugetraut hätte. Und, schauen wir uns etwa Michael Wendler an; das sind ja Leute, die riskieren für ihre Überzeugung ihre Karriere. Sie glauben, sie wären so etwas wie Widerstandskämpfer des NS-Regimes. Nur, dass wir kein NS-Regime und keine Diktatur haben. Das ist absurd.

Ihre Buch-Protagonistin Liina arbeitet bei einem Medium, das im Untergrund Regierungs-Fakes aufspürt. Das liest sich wie ein Plädoyer für unabhängigen Journalismus.

Ich denke, wir müssen aufpassen, dass sich die Leute für guten Journalismus interessieren und ihn unterstützen. Kritischer Journalismus, Faktenchecks – das ist enorm wichtig. In Zeiten von Fake News und Deep Fakes kann man sich nicht mehr auf den Wahrheitsgehalt von Bildern, Tonmaterial und Videos verlassen. Deshalb müssen wir bestimmte vertrauenswürdige Instanzen haben, die so etwas überprüfen. Als Privatperson kann man das gar nicht leisten.

(Das Gespräch führte Lisa Berins)

Buch: Zoë Beck: „Paradise City“, Suhrkamp Taschenbuch, 280 Seiten, 16 Euro

Lesung in Offenbach

Parallel zur Frankfurter Buchmesse bringt das Bücherfest RheinMain Offenbach auch in diesem Jahr Literatur in die Stadt: Das Kulturamt lädt am 17. und 18. Oktober 2020 in die afip! — akademie für interdiziplinäre prozesse ein.

Dort wird es am 17. Oktober einen Diskussionsabend zum Thema „Neue Rechte“ geben. Teilnehmen werden der Soziologe Wilhelm Heitmeyer („Rechte Bedrohungsallianzen“), der per Zoom live zugeschaltet wird, Politikwissenschaftlerin Carina Book, Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff („Hassbilder: Digitale Bildkulturen“) . Moderiert wird der Abend von Marie-Sophie Adeoso von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt.

Am 18. Oktober lesen Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus ihren Werken. Um 14 Uhr macht Zoë Beck den Anfang mit ihrem Roman „Paradise City“. Danach liest Wolf Harlander um 15 Uhr aus seinem Thriller „42 Grad“. Um 16 Uhr präsentiert Olga Grjasnowa Auszüge aus „Der verlorene Sohn“ . Zum Abschluss des Bücherfests liest um 17 Uhr Leif Randt, der in diesem Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. „Allegro Pastell“ ist eine Lovestory aus den späten Zehnerjahren und mit Bezug zur Rhein-Main-Region. Die Veranstaltungen sind wegen der begrenzten Teilnehmerzahl bereits ausgebucht. Warme Kleidung sollte wegen des Querlüftens mitgebracht werden. red

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare