Letzte Geleit

Abschied vom „Berschte-Wick“

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So kannte man ihn: der „Berschte-Wick“ in seinem Element. Viktor Wick wird heute beerdigt. Er starb mit 93 Jahren.

Dieburg - Die Stadt ist um ein Original ärmer: Die Dieburger trauern um ihren „Berschte-Wick“, Viktor Wick aus dem Minnefeld gegenüber des Kapuzinerklosters. Er starb am vergangenen Freitag im Alter von 93 Jahren. Von Lisa Hager

Er hinterlässt seine Frau Irma und zwei Töchter mit ihren Familien.  Bis zuletzt hat der stadtbekannte „Berschte-Wick“ vor seinem Laden mit den Geräten die Straße gesäubert, der ihm als Bürsten- und Besenmacher auch seinen Spitznamen einbrachte. Bis zuletzt läutete bei ihm immer mal wieder die Ladenglocke, dann suchte Wick in seinem Restbeständen nach dem Gewünschten – meist gab es noch eine borstige Zugabe zum Einkauf dazu, eine humorvolle Geschichte oder auch ein Kochrezept gratis oben drauf.

Hotelkoch Viktor Wick in seinen geliebten Schweizer Bergen.

Aber Wick war das spätere Besenverkaufen im über 100 Jahre alten Familienbetrieb, der auch sein Elternhaus ist, nicht in die Wiege gelegt. Sein Schicksal hätte auch ganz anders verlaufen können. 1934 lernte er in der Darmstädter Brot- und Feinbäckerei Oestreicher als Bäcker und Konditor. Später stand er in vielen renommierten Küchen, beispielsweise in Hotels am Ammersee, in München, im Schwarzwald oder Garmisch am Herd.

6000-Kilometer-Marsch nach Dieburg

Dann aber kam der Krieg: 1939 wurde er zu den Panzerpionieren nach Eisenach verlegt und kam über Frankreich Russland nach Finnland, wo er wieder kochte – für die Soldaten. Nach Kriegsende – er war 1945 an der russischen Front – schlug er sich in einem 6000-Kilometer-Marsch nach Dieburg durch und wäre vorm Bahnübergang beinahe noch von den Amerikanern erwischt worden.

Die Nachkriegszeit war geprägt von der Hilfe für die hungernden Mitbürger. Auf dem Land der Großeltern bauten die Wicks erst mal 200 Zentner Kartoffeln an. Dazu wurde schwarz geschlachtet. Und dann war da noch die fünfte Jahreszeit, der sich Wick verschrieben hatte. Als „Fastnachtsauffrischer“, wie er sich später einmal selbst bezeichnete, fungierte er in den Fünzigerjahren als Präsident des Carneval-Clubs und organisierte Sitzungen und Umzüge.

92 Jahre keinen Doktor gesehen

Später bekochte er beispielsweise im schweizerischen Murten den ersten Bundespräsidenten Deutschlands, Theodor Heuss, und in Mürren tischte er Bundeskanzler Konrad Adenauer auf. Von Begegnungen mit Königin Juliane von Holland und anderen gekrönten Häuptern konnte der leutselige Wick anschaulich berichten. Klagen und Jammern dagegen waren nicht sein Ding. Er, der 92 Jahre keinen Doktor gesehen hat, erzählte lieber mit schelmischem Lächeln aus seinem bunten Leben als sich über Alterswehwehchen zu beklagen.

In den letzten Jahren vor dem Tod seiner Eltern sah er sich moralisch verpflichtet, ganz nach Dieburg zurückzukehren. Er war als einziger Sohn übrig geblieben, seine drei Brüder waren im Krieg gefallen. Er arbeitete 15 Jahre dann als Mensa-Chefkoch der Technischen Hochschule in Darmstadt. Die elterliche Bürstenmacherei samt Laden betrieb er nebenbei als Hobby. Seine Ehefrau Irma unterstützte ihn dabei, half aber auch im benachbarten Kapuzinerkloster, für dessen Brüder sie kochte.

Der humorvolle und großzügige Viktor Wick wird noch lange im kollektiven Gedächtnis der Dieburger weiterleben. Optisch ist ihm bereits ein Denkmal gesetzt worden: Die Dieburgerin Zora Hagedorn hat ihre Diplomarbeit in visueller Kommunikation bei dem bekannten Regisseur Wim Wenders abgelegt. Thema: eine Film-Dokumentation über Viktor Wick, die bei der „Nacht in Blau“ 2006 in der Bücherinsel Premiere hatte, aber seitdem leider nicht mehr gezeigt wurde.

Trotzdem haben die, die ihm heute auf dem Friedhof um 13.30 Uhr das letzte Geleit geben, ihre ganz persönlichen Erinnerungen an den „Berschte-Wick“ im Kopf.

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