Äpfel - wie aus dem Paradies

Robert Keller hat den saftigen Früchtchen ein Gewächshaus gebaut. Tomaten lieben Wasser, aber nur an den Füßen - sie sind regenscheu.

Dieburg - Renate und Robert Keller sind vom „Tomatenvirus“ befallen: Sie haben 27 Sorten im Garten. Das ist aber noch nicht das Ende. Von Lisa Hager

Jesus hat aus Wasser Wein gemacht, die Holländer machen aus Wasser Tomaten: Dieser Spruch kommt wohl so manchem Liebhaber der roten Früchtchen - übrigens das beliebteste Gemüse der Deutschen - in den Sinn, wenn er vom Geschmackserlebnis auf der Zunge enttäuscht ist. Prall und rund ist die Durchschnittstomate „Made in Holland“. Meist ist sie aber nur das: schön.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich Hobbygärtner gerne am Anbau der beliebten roten Kugeln versuchen. Allerdings ist der „Paradeiser“ oder Paradiesapel, wie die Tomate in Österreich und Südtirol genannt wird, ein südliches Gewächs - sie stammt ursprünglich aus Mittel- und Südamerika, liebt es warm und feucht an den Wurzeln, aber nicht nass an den Blättern und Früchten. Da hält in unseren Breitengraden in feuchten Simmern gerne die Braunfäule, ein Pilzbefall, Einzug und vernichtet nicht selten die ganze Ernte.

Was sich in einem deutschen Garten normalerweise an den Tomatenstangen empor rankt, beschränkt sich meist auf zwei bis drei Sorten. Nicht so bei Renate und Robert Keller in der Marienstraße: Dort wachsen in dieser Saison sage und schreibe 27 Sorten. Insgesamt haben die Kellers aber 70 Sorten Samen, die in den nächsten Jahren noch auf ihren Einsatz warten. „Wir wollen es auf 100 angebaute Sorten bringen“, formuliert Renate Keller das klare Ziel.

Das Tomatenfieber hat die beiden seit einem Urlaub vor rund zehn Jahren in Florida gepackt. Aus einer amerikannischen Sorte haben sie damals erstmals Samen aus dem Fruchtfleisch extrahiert und getrocknet. „Da wurde uns erst klar, wie viele unbekannte und auch in Vergessenheit geratene Varianten es weltweit gibt“, sagt Robert Keller. Und seit fünf Jahren sammeln die beiden Naturliebhaber jetzt Tomatensorten wie andere Leute Uhren oder Modellautos. Mit einem Vorteil: Ihre Sammelobjekte kann man essen und zu vielen interessanten kulinarischen Köstlichkeiten weiter verarbeiten. Grüne Sorten beispielsweise - sie werden auch reif nicht rot - lassen sich gut zu Marmeladen oder pikanten Relishs verarbeiten. Die Parikatomate ist ein Kuriosum: Sie sieht aus wie eine Parikaschote und ist wie diese innen hohl. „Sie lässt sich prima füllen, sagt Renate Keller. „Aber schauen Sie hier, die Reisetomate“, sagt sie und zeigt auf ein anderes rotes Gebilde, das aus vielen Kammern zu bestehen scheint. Diese lässt sich quasi in Raten essen, eine Kammer nach der anderen wie eine Orange in Schnitzen, ohne dass der Rest der Frucht kaputt geht - praktisch auf Reisen eben.

Ein merkwürdiges Fühlerlebnis bietet die Pfirsichtomate: Sie ist mit einem zarten Flaum überzogen wie ihr Namensgeber. Die „Violine“, die wie eine Traube am Stiel hängt, verdankt ihre Form dem Musikinstrument. Die Ananastomate ist leuchten gelb und bringt bis zu einem Kilo auf die Waage, während „Schneewittchen“ einfach nur blass bleibt. „Zitronella“ hat mit Farbe und Form der Zitrusfrucht schon mehr zu bieten.

Immer auf der Suche

Die schwarzen Cocktailtomaten („Black Cherry“) überzeugen vor allem durch den süßen Geschmack, die mexikanischen Honigtomaten laufen ihnen allerdings noch den Rang ab.

Da gibt es grün marmorierte Sorten („Die sind sehr gut in Scheiben gebraten und mit gehobeltem Parmesan bestreut“) und gelbe Teile, die an Mini-Bananen erinnern. Und da ist die Fleischtomate „Camone“ - auch sardische Tomate genannt, sie spielt in italienischen Nudelsoßen die Hauptrolle.

Viele Informationen bekommen die Kellers von anderen Tomaten-Liebhabern, die sich sogar auf Börsen austauschen. Vor allem in Österreich werden die Kellers fündig, wenn sie besonderen Sorten nachspüren. Viele der alten Sorten sind von der EU für den gewerblichen Anbau nicht zugelassen, so muss man sich an Hobbygärtner wenden, die mit ihrem Anbau dafür sorgen, dass die Artenvielfalt erhalten bleibt.

Die Tomatensaison beschränkt sich übrigens keineswegs auf Frühjahr und Sommer. Eigentlich gibt es das ganze Jahr über zu tun: Von den Sorten, die die Kellers weiter anbauen möchten, müssen sie die winzig kleinen Samen aus dem Fruchtfleisch lösen und auf Küchenpapier trocknen. Dann muss alles katalogisiert und in Tütchen verpackt werden. Schließlisch soll ja die „Gelbe Birne“ nicht mit dem „Banana Leg“ verwechselt werden. Zeitig im Februar geht es dann an die Vorkultur in Töpfchen, die noch lange im Warmen stehen. Frühestens Mitte Mai kommen die Tomaten ins Freie - und die Blüte beginnt. Die meisten Sorten reifen in unserem Breitengraden im August. In manchen Jahren geht die Ernte bis Ende September/Anfang Oktober.

Was aber wenn bei Kellers zu viele Tomaten auf einmal reif werden oder ein nasser Sommer dem Ganzen ein Schnippchen schlägt? „Wenn wir meinen, dass sie partout nicht mehr reifen, werden sie grün abgemacht und dunkel in Zeitungspapier gelagert“, sagt Renate Keller. Sie reifen dann noch nach, ein dazu gelegter Apfel beschleunigt den Vorgang, den Geschmack sonnenverwöhnter Früchte haben diese Spätzünder aber trotzdem nicht.

Stolz sind die Kellers auch auf eine Wildform der Tomate, die in einem Kübel vor sich hin wuchert. Ihre Früchte sind nicht viel größer als Johannisbeeren. Sie ist völlig anspruchslos und braucht kaum Wasser - gute Gene eben. Aber auch mit diesen Tomaten-Beeren kann man einiges anfangen. Die Kellers legen sie in Alkohol einige Wochen ein. Das gibt dann einen erfrischenden Zusatz für kühlen Sekt. Robert Keller: „Dann kann die Tomatenparty beginnen.“

Seine Frau lässt sich davon aber nicht von ihrem nächsten Ziel ablenken. „Die Ursprungstomate war eigentlich blau“, sagt sie und ihre Augen leuchten: „Die muss ich auch unbedingt noch haben.“

Quelle: op-online.de

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