Alphorn, Dudelsack und ein sterbender Schwan

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Neben dem Einkaufskorb voller Requisiten schleppt Josef Bieder (Walter Renneisen) auch ein Alphorn auf die Bühne.

Dieburg ‐  Da hätte nur noch die „Holzisch Latern“ gefehlt im Sammelsurium des Requisiteurs Josef Bieder. „Das nächste Mal“, versprach Walter Renneisen, der am Mittwoch seinen 70. Geburtstag feierte, als ihm KVD-Präsident Friedel Enders nach der Vorstellung an das in Dieburg 2008 erhaltene leuchtende Requisit erinnerte. Von Lisa Hager 

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Zuschauer in der gut gefüllten Campus-Aula schon einen heiteren und dennoch sehr anspruchsvollen Abend mit einem Vollblut-Theatermann hinter sich: In der „Sternstunde des Josef Bieder“ fährt Renneisen sein ganzes Repertoire auf - und das ist nicht wenig. Er schauspielert, musiziert, dirigiert, singt - und gibt zum Schluss mit hochgekrempelten Hosenbeinen und dem Lampenschirm als Tutu um der Taille den sterbenden Schwan.

Zwischenzeitlich bedient er neun verschiedene Instrumente von Alphorn über Schlagzeug bis Dudelsack, die er nach und nach in das Geschehen einbaut. Ein ums andere Mal tut es ihm leid, dass das Publikum so ganz umsonst gekommen ist, obwohl die Vorstellung doch ausfällt. Aber natürlich hat wieder mal keiner von der chaotischen Theaterleitung („Der Intendant ist froh, wenn er sein eigenes Zimmer findet“) daran gedacht, entsprechend zu informieren. Und so stellt sich Josef Bieder - eigentlich wollte er nur die Requisiten für die Probe am nächsten Tag vorbereiten - dem erwartungsvollen Publikum zur Verfügung… .

Lektionen mit der Bohrmaschine

Köstlich amüsante Interna erfahren die Zuschauer von dem Mann im grauen Kittel, der sich nicht nur für den besseren Darsteller des Hamlet, sondern auch den ausdrucksstärkeren Tenor hält. Dass der Beruf des Requisiteurs so manche Tücken hat, erfährt man nebenbei: Von verdünntem Kirschsaft als Weinersatz ist ihm schon mal der „Jago im Othello verschleimt“. Und so füllt Bieder seitdem Malventee in die Flasche, das kommt besser - abgesehen von dem Gesicht, das der Sänger dazu schneidet.

Rasant geht es weiter über die Kunst des Dirigierens („In den Noten stehen doch nur Vorschläge!“) bis zum beliebten Sterben in der Oper: Da wird beispielsweise das Rätsel erklärt, warum man mit einem Messer zwischen den Rippen die besten Arien singt. Zwischendrin spendiert der überengagierte Requisiteur Hörproben mit Schlagzeug, Trompete und Dudelsack, um schließlich ein veritables Alphorn auf die Bühne zu schleppen. Zu Synthesizer-Klängen erteilt er den Zuschauern noch eine amüsante Lektion in experimenteller Musik - mit Bohrmaschine.

Ein Stück - wie gemacht für Walter Renneisen

Lyrische Momente zaubert Renneisen auch: In den Momenten, in denen Bieders unerwiderte Liebe zur 30 Jahre jüngeren Auszubildenden aufblitzt, schafft er atmosphärische Dichte.

Das Stück hat sich Renneisen als Regisseur auf den Leib geschrieben - und er zeigt damit eindrucksvoll, wie breit gefächert sein in einem langen Theaterleben erarbeitetes Können ist. Das Publikum dankte ihm die Sternstunde mit Standing Ovations - wie man im Theater so sagt.

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