„Also, langsam reicht's mit Schnee und Kälte“

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Kämpft sich den Weg zum Briefkasten auch durch Schnee und Eis: Nikolai Sarezki.

Dieburg ‐ Zurzeit kann sich jeder froh und glücklich schätzen, wenn der eigene Weg zur Arbeit in ein beheiztes Büro führt, und man nicht allzuviel vom Wintertreiben mitbekommt als unbedingt nötig. Während der landwirtschaftliche Betrieb ruht und auf Baustellen die Arbeit zeitweise eingestellt wird, gibt es dennoch fleißige Berufstätige, die ihren Job im Freien ausüben müssen.  Von Dirk Beutel

Deren tägliches Brot wird durch die, für die hiesigen Verhältnisse schon extremen, Witterungsbedingungen zur echten Nervenprobe. Davon kann Nikolai Sarezki ein Liedchen singen. Der 22-jährige Postzusteller kämpft sich tagtäglich durch Schnee und Eis. An das frühe Aufstehen bei der Kälte um kurz nach fünf Uhr hat er sich längst gewöhnt. Wobei er morgens ein paar Minuten mehr als sonst einplanen muss, um sich auf die Arbeit zu machen. Ganze fünf Schichten stülpt sich Nikolai Sarezki über - Unterhemd, T-Shirt, Pullover, Fließjacke und natürlich die Dienstkleidung von der Post. Dazu gesellen sich zwei Paar Hosen und zwei Paar Socken, die allerdings ohne die wasserfesten Schuhe auch nicht viel bringen würden. „Trotz der dicken Verpackung versuche ich, immer in Bewegung zu bleiben. Es wird einem da draußen schneller kalt, als man denkt“, berichtet Sarezki.

Durch den Schnee kämpfen kostet Kraft

Eigentlich ist der Postzusteller mit dem Fahrrad in Dieburg unterwegs - ein zusätzliches Risiko bei vereisten Straßen - daher empfindet er die so genannten Verbundlieferung, also Brief- plus Paketzustellung, als kleine Erleichterung, da er hierfür ein Auto zur Verfügung gestellt bekommt. „Bislang habe ich mit dem Fahrrad noch keine Bruchlandung hingelegt - Gott sei dank, aber wegen dem Schnee kostet es schon mehr Kraft vorwärts zu kommen“, erklärt Sarezki.

Schon diverse Male musste er sein zweirädriges Gefährt sogar ganz stehen lassen und, mit Briefen voll gepackt, die Lieferungen zu Fuß erledigen. Wie beispielsweise im Holunder- oder im Lärchenweg. „Das war eine echte Zumutung. Da war kein Durchkommen mit dem Fahrrad, weil die Straßen nicht geräumt waren und ich so früh dran war, dass auch die Bürgersteige schneebeladen waren.“ Das gehe ordentlich in die Beine.

Doch nicht nur Kraft, sondern auch Zeit kostet Sarezki der hartnäckige Winter. „Selbst wenn ich mit dem Lieferwagen unterwegs bin, muss ich vor allem in den Nebenstraßen langsam fahren. Da helfen bei der Glätte auch keine Winterreifen“, sagt der Postler, der für seine Route bis zu eine Stunde länger braucht, ehe er wieder zurück in die Filiale Hinter der Schießmauer fährt.

Bewegung ist das beste Mittel bei Schnee und Eis

Wenn es die Schneeschaufel alleine nicht mehr tut, muss auch mal der „motorisierte Schieber“ ran. Am Steuer Friedhofsgärtner Markus Haas.

Also so langsam reicht es wirklich mit der Kälte und dem ganzen Schnee“, meint Sarezki. Und damit steht der junge Mann nicht alleine da. Ein Batzen Mehrarbeit fällt derweil auch im Dieburger Friedhof für die dortigen Gärtner an. „Vor ein paar Wochen kam soviel Schnee runter, dass wir gar nicht mehr wussten, wohin damit“, erinnert sich Markus Haas, der gerade mit der Schaufel den Weg um die Urnengräber freiräumt. „Mit dem Schnee geht jetzt im Moment. Der Frost macht uns da eher zu schaffen“, ergänzt sein Kollege Harald Ries. Und das vor allem beim Ausheben von neuen Gräbern. Bei Tagestemperaturen unter dem Gefrierpunkt kommt auch kein Bagger in den gefrorenen Boden hinein. „Den müssen wir mit Kompressor und Presslufthammer erst einmal regelrecht aufstemmen“, fügt Ries hinzu. Erst wenn die erste Bodenschicht aufgelockert ist, kann die Baggerschaufel anrollen und zum Einsatz gebracht werden.

Darüber hinaus räumen die Friedhofsgärtner alle Hauptwege zu den Gräbern frei und verstreuen zusätzlich Split. Auf versiegelten Flächen, wie etwa um die Urnen, behilft man sich zudem mit Streusalz, das vom Bauhof angeliefert wird. „Salz ist ja momentan ein kostbares Gut geworden“ scherzt Ries. Und bezieht sich damit auf die Vorräte des Friedhofs, die mittlerweile auf rund 100 Kilo geschmolzen sind.

Heizkosten gehen ins Geld

Außer mit der herkömmlichen Winterarbeitskleidung, trotzt das dreiköpfige Team Väterchen Frost ausschließlich mit Mütze und Handschuhen. „Wir sind ja ständig in Bewegung, das ist das beste Mittel gegen die Kälte“, so Markus Haas.

Ganz andere Probleme hat da die nebenan gelegene Gärtnerei Spieß. Zwar sorgt man dort sowohl im Geschäftsbereich als auch in den Gewächshäusern für entsprechende Temperaturen, dennoch reiben die teilweise extremen Tiefstwerte, die das Quecksilber anzeigt, an den Nerven der Geschäftsführer. „Wir müssen nicht nur mehr, sondern auch länger heizen“, erklärt Mitinhaberin Waltraut Hammer. „Das geht ins Geld.“ So benötigen beispielsweise Stiefmütterchen und Primeln zwischen zwei und drei Grad plus. Bei einer Außentemperatur von minus 15 Grad müsse entsprechend nachgeheizt werden.

Wir versuchen im Augenblick die vier Wochen im Januar damit zu überbrücken, dass wir nicht mehr so viel selbst aussäen, sondern gleich Stecklinge im Gewächshaus setzen, wie etwa Beetbegonien“, schildert Waltraut Hammer, die zudem sorgenvoll durch ihre breite Fensterfront schaut: „Alleine unsere Parkplätze und den Gehweg schnee- und eisfrei zu machen, kostet mich bis zu einer Stunde, die ich praktisch nicht im Laden stehen kann. Das alles hemmt uns ganz schön.“

Es ist nicht nur frostig, es fehlt auch an Sonnenlicht

Erschwerend hinzu kommt, dass schlicht die Kundschaft ausbleibe. „Viele verlassen das Haus nur, wenn sie unbedingt müssen, und sind dann auch froh, wenn sie wieder daheim sind. Da schauen ganz klar weniger im Laden vorbei“, bilanziert Waltraut Hammer. Zu all diesen Umständen gesellt sich noch ein spezielles floristisches Problem: Es herrscht zu wenig Sonnenschein. „Obwohl wir unser Geschäft vor 25 Jahren so gebaut haben, damit wir hier ideale Lichtverhältnisse haben, kommt fast nichts bei den Pflanzen an“, so Hammer.

Treibt aufgrund des akuten Lichtmangels viel längere Triebe: das Usambaraveilchen.

Zwischen 1 500 und 2 000 Lux (Einheit zur Lichtstärkemessung) seien im Winter eigentlich immer drin gewesen. „Im Augenblick aber sind die Lichtwerte katastrophal. Schätzungsweise unter 1 000 Lux.“ Und das hat Folgen für die Blumen- und Pflanzenwelt der Gärtnerei: Aufgrund des Lichtmangels treiben Orchideen beispielsweise so genannte taube Knospen aus, das Usambaraveilchen hingegen zieht längere Triebe. Und überhaupt haben viele Blumen ihre strahlende Farbenpracht eingebüßt. „Das ist alles im Grunde kein Beinbruch, aber allmählich langt es. Vor allem mit den trüben Tagen“, sagt Hammer.

Nur wenige Schritte von der Gärtnerei Spieß entfernt schwingt Bauhofmitarbeiter Uwe Schroth Schaufel und Kelle. Mitten auf der Groß-Umstädter Straße füllt er die durch den extremen Frost entstandenen Schlaglöcher. „Mithilfe von kaltem Asphalt und Sand sind die Löcher in ein paar Minuten wieder zu“, so Schroth. Da aber nahezu die gesamte Straße bis zum Kreisel an der Polizeistation von tiefen Löchern und fast schon kleinen Gräben durchzogen ist, vermutet er, dass er den ganzen Tag mit „Löcher stopfen“ verbringen wird. Zum Ende presst Schroth den frischen Asphalt mit einem Stampfeisen zusammen und passt ihn somit der Fahrbahnhöhe und -oberfläche wieder an.

Schneefall und Eisregen strapazieren auch die Augen

Das ist auch bitter nötig. Vor allem für die vielen Fahranfänger, die durch diesen Winter etwas mehr Konzentration und Aufmerksamkeit an den Tag legen als sonst. Zwar rangieren Schlaglöcher nicht auf den ersten Plätzen der Problemskala, sondern vielmehr Eisglätte, schlechte Sicht sie werden aber dennoch genannt.

Zudem eine Mehrbelastung für den Fahrlehrer: „Ich muss wegen der Witterung viel früher reagieren, weiter vorausdenken und oftmals eher das Auto herunterbremsen, damit etwa in Kurven nichts passiert“, sagt Sebastian Klein von der gleichnamigen Fahrschule. Auch die Augen von Lehrer und Schüler werden bei Schnee oder Eisregen mehr beansprucht.

Hinzu kommen die anderen Verkehrsteilnehmer. Klein: „Viele können nicht im Schnee fahren. Manche haben Sommerreifen drauf - das geht gar nicht.“ Besonders für Fahranfänger Lukas Mai (16) sind die Fahrstunden eine Herausforderung: „Vor allem wenn in den Straßen auf beiden Seiten Autos parken und sich dort noch der Schnee türmt, habe ich Schwierigkeiten die Spur zu halten“, erzählt Lukas. Da muss Lehrer Klein schon mal ins Lenkrad greifen. „Das strapaziert ganz schön die Nerven.“ Wenn auch die Allradtechnik, mit der das Fahrschulauto ausgestattet ist, bei Schnee ein kleiner Vorteil gegenüber Frontantrieben ist, bei Glatteis ist sie ebenso machtlos. Dennoch: Klein steuert mit seinen Schülern bewusst ungeräumte Straßen in Dieburg an: „Dort kann man gut testen, wie lange ein Auto mit 30 Kilometer pro Stunde braucht, um zum Stillstand zu kommen.“ Auf jeden Fall ein Vorteil für Lukas, der nun lernt, wie man bei Schnee und Eis fahren muss.

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