Anders und doch hier zuhause

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Großes Interesse zeigten die Besucher des Festes der Kulturen am Samstag für die Tanz- und Musikvorführungen auf der Bühne: Bei herrlichstem Spätsommerwetter feierte man gemeinsam. Die Herkunft spielte nur eine Nebenrolle.

Dieburg - „Das ist echter türkischer Mokka“, sagt die 47-jährige Kaya Elif und hält das kleine Tässchen mit dem tiefschwarzen Inhalt hoch. „Mein Mann trinkt das nach jeder Mahlzeit, weil es gut für die Verdauung und den Magen ist. Von Michael Just

Das hält fit“, schickt sie überzeugt hinterher und reicht die Tassen, in denen sich dicker Bodensatz befindet, zum Spülen weiter.

Ausgeschenkt beim türkischen Kulturverein DITIB war der Mokka beim „Fest der Kulturen“ am Samstag äußerst begehrt. An einem strahlenden Herbsttag fand die Veranstaltung vor dem Schloss Fechenbach nach 2009 zum zweiten Mal statt. Das Fest der Stadt, bei der Kulinarisches sowie Tanz- und Musikeinlagen warteten, ist Teil des Integrations-Programms und des Stadtleitbilds. Derzeit leben über 80 Nationen in Dieburg. Insgesamt präsentierten sich 21 Stände, dazu warteten rund zehn Vorführungen.

Fotostrecke vom Fest der Kulturen

Fest der Kulturen: Anders und doch hier zuhause

Schon gleich nach Beginn entwickelte sich ein buntes Miteinander, das alle kulturellen oder religiösen Barrieren überwand. Die Atmosphäre transportierte ein friedliches und fröhliches Wir-Gefühl, das sich viele in dieser Form für die ganze Welt wünschten. Stets freundschaftlich wurden auch Unterschiede angesprochen.

Religionen kommen ins Gespräch

Das tat Thomas Oesterheld, der auf dem Weg zum Pfarrer bei der Christus-Gemeinde war, am Stand der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde. „Die Religion darf niemals eine Umklammerung werden, bei der der Blick auf den Menschen verloren geht“, sagte er. Von der 18-jährigen Aisha Sadeeka erhielt er darauf eine so nicht erwartete Antwort: „Der Koran ist wie die Bibel viele hundert Jahre alt. Man muss viele Aussagen erst geographisch und historisch einordnen.“ „Das nennt man Exegese“, warf Oesterheld ein. Bei dem Bibelsatz „Prüft alles, das Gute aber haltet fest“, der in ähnlicher Form auch im Koran vorkommt, stellte man fest, dass sich der Kreis zwischen den beiden Religionen ganz schnell schließt. So wurden auch an anderer Stelle immer wieder Gemeinsamkeiten entdeckt.

Mit dem Festverlauf zeigte sich Saleem Mirza vom Organisations-Team zufrieden. Nur etwas mehr Stände des Gastgeberlandes hätte er sich gewünscht: „Das könnten auch Sport- oder Gesangsvereine sein“, so der Diplom-Ingenieur. Zuvor hatte der gebürtige Inder, der in Pakistan aufgewachsen ist, schon einen Erfolg erreicht: Nachdem am Stand der Ahmadiyya-Gemeinde beim letzten Fest nur Männer waren, präsentierten sich diesmal die Frauen.

„Ich fühle mich integriert“

Immer wieder konnte man auf Personen treffen, die gelungene Integration verkörpern, so wie Maria Ipiales (45). Aus Ecuador kommend studierte sie Informatik in Darmstadt. Bei der Rückkehr nach Südamerika stellte sie fest, dass in Deutschland ihre neue Heimat liegt. „Ich fühle mich integriert und bin stets gut aufgenommen worden“, sagt sie. Die Integrationsbemühungen der deutschen Politik und Gesellschaft - mit Sprachkursen beispielsweise - findet sie außerordentlich gut.

„Einen Sprachkurs habe ich nie gehabt“, sagt Kaya Elif. Die Frau mit dem Mokka hat Deutsch auf der Arbeit gelernt. Derzeit ist sie im Dieburger Krankenhaus tätig. Mit 15 Jahren kam sie aus der Nähe von Ankara nach Deutschland. „Wir haben uns alle integriert und beherrschen die deutsche Sprache“, berichtet sie über ihre Familie und die drei Kinder. EinSohn kickt bei der Hassia, eine Tochter studiert Jura. „Wir sehen uns als Dieburger“, schickt sie hinterher.

Integration könnte in Dieburg kaum besser sein

Auf Nachfrage sagen sowohl Saleem Mirza als auch Dr. Mehmet Travaci vom Vorstand des türkischen Kulturvereins DITIB, das es in Sachen Integration in Dieburg kaum besser laufen könnte. Ein dickes Lob ging von Travaci an Bürgermeister Werner Thomas, der sechs bis sieben Mal im Jahr in die Moschee zum Tee trinken kommt und dabei Probleme bespricht.

„Fast läuft die Integration schon zu gut“, schmunzelt der Kinderarzt. Bestes Beispiel sei der Ausländerbeirat, in dem Türken unterrepräsentiert seien. Der Grund: Viele Türken sind schon eingebürgert und haben einen deutschen Pass. „Das nennt man dann vollendete Integration“, fügt er lachend hinzu.

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