Artenschutz made in Dieburg

+
Diese junge Exemplar auf dem Hand der Helferin könnte in 20 Jahren einmal an den Strand zurückkehren und seinen Teil zum Erhalt der Art beitragen.

Dieburg - Hörner des Rhinozeros’, Hoden bestimmter Tiere: Nicht Wenigem aus der Natur wird eine Potenz steigernde Wirkung zugeschrieben, in der Regel unbewiesen, je nach Kulturkreis aber auf mehr oder minder festem Glauben basierend. Von Jens Dörr

In Nicaragua machen sich Wilderer regelmäßig über die Nester der Meeresschildkröten her und verkaufen die Eier auf dem Markt. Touristen und die reiche Oberschicht des Landes schlagen dort zu, wo 100 Eier teils 20 Dollar kosten - in Nicaragua ein kleines Vermögen. Neben der echten Karett-Schildkröte, die bereits durch ein internationales Projekt geschützt wird, ist nur noch eine Schildkröten-Art, die an den Stränden des mittelamerikanischen Staats ihre Eier legt, in ihrem Fortbestand zu retten: die olivgrüne Meeresschildkröte. Eine andere Art ist bereits komplett verschwunden, eine weitere so gut wie. „Die Lage ist ernst“, sagen Susan und Knut Nickol aus Dieburg. Mit demMeeresschildkröten-Schutzverein (MSV) Nicaragua wollen sie eines der ältesten Lebewesen der Erde retten.

Eier im Sand: Wieder hilft der MSV Nicaragua Schildkröten beim Schlüpfen. Foto: p

Bei einer Reise durch Costa Rica und Nicaragua machte das Paar 2009 die negativen Erfahrungen an den Stränden zweier Nationalparks. Sie begegneten Eierdieben, die aus den oftmals bitterarmen Dörfern Nicaraguas kommen. „Es ist schon seit Generationen so, dass Eier gestohlen werden. Inzwischen tun das aber immer mehr Menschen bei immer weniger Schildkröten.“ Das Washingtoner Artenschutzabkommen schere dabei die Wenigsten. Mehrfach entdeckten die Nickols Wilderer, die Tierschützern gegenüber zwar nicht aggressiv würden, die Natur aber rücksichtslos ausraubten. „Perfekte Wilderern klauen die Eier schon bei der Ablage“, sagt Knut Nickol. Als man das mitbekam, sei klar gewesen: „Da müssen wir was tun.“

Für beide sind die Meeresschildkröten - die olivgrüne wird etwa 70 Zentimeter lang und legt rund 100 Eier - faszinierende Geschöpfe. Deshalb initiierten sie Anfang 2010 den MSV Nicaragua und gründeten den Verein mit einigen Mitstreitern. Im Vorstand sitzt mit Dr. Matthias Geselle ein weiterer Dieburger, darüber hinaus gehören mehrere Bewohner der Gersprenzstadt bereits dem Verein an. Dem geht es vor allem um Spenden und um Manpower, um effektiv für den Erhalt der Art kämpfen zu können: Gerade ist die erste Freiwillige vor Ort - Simone Nordheim, die sie über das Internet kennengelernt haben und die den als gemeinnützig anerkannten Verein durch persönlichen, unentgeltlichen Einsatz unterstützt. Sie spürt die Nester der Meeresschildkröten auf, bringt sie ins sichere Gehege - rund 100 Nester und 10 000 Eier bislang. Die Erwartungen von 5 000 Schildkröten-Babys dürfte der MSV Nicaragua in diesem Jahr deutlich übertreffen. 40 bis 50 Weibchen dürften bei 10 000 geschlüpften Mini-Schildröten allen Gefahren der Natur trotzen und in 20 Jahren erstmals zur Eiablage an den Strand zurückkehren.

Diese olivgrüne Meeresschildkröte hat gerade ihre Eier an einem Strand in Nicaragua abgelegt.

Ein kleines Projekt, geführt von einem pensionierten amerikanischen GI, fanden Susan und Knut Nickol bereits bei ihrem ersten Nicaragua-Trip vor. Dort holten sie sich Anschauungsunterricht, reisten 2010 erneut dorthin, holten sich auch in Panama und im Exotarium des Frankfurter Zoos Informationen. Die gaben sie unter anderem in Schulen in Nicaragua weiter, sprachen auch mit diversen dortigen Bürgermeistern. 2000 Nachwuchs-Schildkröten brachte man im Vorjahr bereits ins Wasser, baute erste Gehege. Was nur ein Anfang war und in diesem Jahr gesteigert wird. Überhaupt ist das Schutzprojekt nachhaltig angelegt.

Leicht ist das Unterfangen indes nicht. Neben finanziellen Einschränkungen und der Armut der Bevölkerung, in der mancher kaum Illegales am Eierdiebstahl finden mag, stellt auch die Natur selbst die Dieburger und ihren Verein vor Herausforderungen: So zerstörte eine Sturmflut eins der Nistgehege, das inzwischen wieder neu errichtet und mit zusätzlichen Sandsäcken geschützt wurde.

Aufgeben ist für Susan und Knut Nickol allerdings keine Option. Im Gegenteil: Durch private Spenden finanziert - die Unterstützung von politischer Seite lässt auch hierzulande noch zu wünschen übrig -, schaffte der MSV Nicaragua jüngst ein Motorrad zum besseren Patrouillieren der Strände an.

Wer sich näher über den Verein informieren und ihn eventuell auch unterstützen möchte, erhält weitere Einblicke im Internet: Dort ist der MSV Nicaragua unter http://msv-nicaragua.de zu finden und ist überdies auch bei Facebook zugegen.

Kommentare