Als Arzt mit Schau-Operation auf Tour

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Dieser Strick verheißt nichts Gutes: Historiker Dierk Dreieicher hielt einen interessanten Vortrag über verfemte Berufe im Mittelalter - beispielsweise den des Henkers.

Dieburg (mj) ‐   Würde man heute einen Berufsmusiker als „unehrenhaft“ ansehen? Mal abgesehen von Rockbands, die durch Eskapaden Schlagzeilen machen, bestimmt nicht. Im Mittelalter war das noch anders: „Haben die Menschen zur Musik getanzt, wurde das als Verführung angesehen“, sagt Dierk Dreieicher.

Kürzlich referierte der Historiker beim Themenabend im Museum Schloss Fechenbach. Sein Fachgebiet: verfemte Berufe des Mittelalters. Zu denen gehörte sogar der Müller, weil die Mühlen meistens vor den Stadttoren lagen. „Alles was sich außerhalb des Dorfes oder der Stadt befand galt als unkontrollierbarer Bereich, dazu vermutete man durch die Nähe zum Wald Kontakte mit Geistern und Dämonen“, so Dreieicher.

Zur Überraschung vieler Besucher gehörten auch Apotheker oder Zöllner zu den unehrenhaften Zeitgenossen: „Allen Menschen, die mit Wiegen, Messen oder Mischen zu tun hatten, wurde größtes Misstrauen entgegengebracht. Beim Apotheker sah man stets den Giftmischer vor Augen“, führte der Groß-Zimmerner an, der im eigenen ehrbaren „Brotberuf“ Fachwirt bei der Sparkasse ist. Leichter nachzuvollziehen waren verfemte Tätigkeiten wie die des Henkers, Totengräbers oder Gerbers: Dabei kam man mit Tod, Blut oder Tierkadavern in Berührung.

Ärzte im gleichen Topf wie Gaukler und Schauspieler

Mit der Bandbreite seiner Informationen dürfte Dreieicher auch bei jenen Besuchern, die Mitglied im Dieburger Heimatverein oder der AVA sind, noch die eine oder andere Wissenslücke gefüllt haben. Denn wer hätte gedacht, dass das Ansehen von Ärzten oft sehr niedrig war, weil viele für ihre Diagnose eine „Urinschau“ machten oder einige mit Schau-Operationen auf Wanderschaft gingen? Damit landeten sie im gleichen Topf wie Gaukler oder Schauspieler.

Immer wieder hatten die Zuhörer Gelegenheit, Hintergründe zu raten. Das war nicht einfach, wie beim Köhler deutlich wurde: Keiner kam darauf, dass man ihn nicht mochte, weil er mit „unkontrollierter Natur“, Feuer und Brandgefahr, zu tun hatte.

Angesehen: Handwerk in Zünften

Fast eine Stunde lang zählte Dreieicher verfemte Berufe auf, so dass sich zum Schluss die Frage stellte, was da an angesehenen Tätigkeiten noch übrig blieb. Es gab sie und zwar Berufe von Handwerker, die sich nicht schmutzig machten und in Zünften organisiert waren.

Besonders intensiv lauschten die Besucher den Ausführungen zum „Job“ des Henkers. Hier wurde die Frage geklärt, warum dieser in späteren Jahrhunderten eine Maske trug. Zum einen wollte er nicht erkannt werden. Vielmehr aber diente die Maske zum Schutz vor dem „bösen Blick“ beziehungsweise magischen Attacken durch die Delinquenten. Henker und Totengräber machten sich aber den Aberglauben selbst wiederum zu nutze: Sie verkauften Leichenteilen, denen eine magische Wirkung nachgesagt wurde.

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