INTERVIEW Bruder Berthold, der letzte Guardian des Klosters, über Dieburg und das Wiedersehen

„Auch mich hat es geschmerzt“

Im Mittelpunkt: Egal wo Bruder Berthold auf dem Wendelinus-Fest verweilte, war er von Menschen umringt, die sich mit ihm kurz oder auch länger unterhalten wollten. Foto: Just

Dieburg – Bruder Berthold war beim Wendelinus-Fest des Odenwaldklubs am vergangenen Wochenende die meistgefragte Person. Fast keine Minute stand der Gast aus Süddeutschland alleine da.

Dutzende von Dieburgern freuten sich über das Wiedersehen mit dem Guardian des ehemaligen Kapuziner-Klosters, der acht Jahre im Minnefeld lebte und arbeitete. Neben einem herzlichen Willkommen hatten viele Dieburger auch Fragen parat: Wie sein Leben verläuft und, und, und. Der Dieburger Anzeiger greift in einem perönlichen Gespräch mit Bruder Berthold die wichtigsten Fragen noch einmal auf.

In welchem Kloster sind Sie gerade und was ist dort Ihre Aufgabe?

Ich bin im Kapuzinerkloster in Zell am Harmersbach. Die Stadt liegt im Schwarzwald im Kinzigtal in Baden-Württemberg. Das Kloster wurde an die dortige Wallfahrtskirche Maria zu den Ketten angebaut. Im Jahr 2020 feiern wir das 100-jährige Bestehen. Meine Aufgabe ist die Leitung der Wallfahrtsseelsorge und die Organisation der Gottesdienste. Das Besondere ist, dass ich im Nachbarort Nordrach geboren wurde. So kenne ich die Kapuziner seit meiner Kindheit. Hier sind wir, meine Großeltern und Eltern, wenn möglich samstags zur Wallfahrtsmesse gepilgert. Mit mir leben derzeit in Zell acht Brüder.

Die Wallfahrer und die große Marienverehrung dürften Sie ganz sicher an Dieburg erinnern?

Sogar sehr. Zell beherbergt die größte Marienkirche in Baden. Die Wallfahrt zu Maria zu den Ketten geht bis ins 8. Jahrhundert zurück. Da hatte sich ein Einsiedler aus dem Benediktinerkloster von Gengenbach hierher zurückgezogen. Er verehrte die Gottesmutter, die damals noch die Benennung Maria zur Rose hatte. Aus der Befreiung eines Jerusalem-Pilgers im 11. Jahrhundert und dessen Gebetserhörung wurde aus Maria zur Rose Maria zu den Ketten.

Wie ist der Kontakt zu Ihren ehemaligen vier Mitbrüdern in Dieburg?

Auch wenn wir nach der Schließung im November 2012 alle auf verschiedene Einrichtungen verteilt wurden, ist der Kontakt nach wievor gut. Wir haben Briefverkehr, sehen uns bei Exerzitien und noch mehr bei den regelmäßigen Kapitel. Kapitel nennt man die Versammlung von stimmberechtigten Mitgliedern eines klösterlichen Konvents, von Mitgliedern einer Ordensprovinz oder des gesamten Ordens. Pater Eckehard ist gerade in Salzburg, Bruder Joachim in Finnentrop bei Olpe. Er kommt monatlich zur Zen-Gruppe nach Dieburg. Bruder Friedhelm ist leider im Januar verstorben. Pater Matthias Doll, der dieses Jahr sein Goldenes Priesterjubiläum feiern kann, lebt als Pensionist in Münnerstadt in Bayern.

Wie oft sind Sie in Dieburg?

Ich versuche immer wieder zu kommen, was aber nicht einfach ist. Die Dienste in Zell lassen kaum Zeit. Die Anfrage und Einladung vom OWK, zum Wendelinus-Fest zu kommen, erreichte mich schon vor fast einem Jahr. Sicher zusagen konnte ich aber erst vor wenigen Tagen, da die Mai-Andachten in Zell in diesem Monat sehr viel Aufmerksamkeit und Engagement verlangen.

Wie sind Sie diesmal nach Dieburg gekommen und wo haben Sie übernachtet?

Gekommen bin ich aus Verbindungsgründen mit dem Auto, übernachtet wurde privat. Die privaten Kontakte in Dieburg sind gut und vielfältig geblieben, der Briefverkehr ist rege. Alleine an Weihnachten schicke ich rund 40 Briefe nach Dieburg.

Wie viele Mitglieder hat Ihr Orden derzeit und wie ist es um die Zukunft bestellt?

Momentan haben wir rund 120 Brüder. Da sind die indischen Mitbrüder, die uns helfen, schon eingerechnet. Die Säkularisierung geht weiter, und das Reduzieren von Klöstern ist angesagt. Gera in Thüringen, wo ich neun Jahre war, wurde bereits 2007 verlassen. Die Abgabe von St. Magdalena in Altötting ist für 2022 beschlossene Sache. Die Gesamtzahl der Standorte liegt derzeit bei etwa einem Dutzend.

Wie verlief Ihr Weg nach der Schließung in Dieburg?

Die erste Station war St. Magdalena in Altötting. Nach einem Jahr erfolgte die Versetzung nach St. Konrad, ebenfalls in Altötting. Dort existierten noch zwei Kapuziner-Klöster. Nach drei Jahren in St. Konrad wurde ich im Kloster Zell am Harmersbach gebraucht.

Haben sie den Schritt ins Kloster jemals bereut?

Nein, es war die richtige Entscheidung, gerade im Hinblick auf die Kapuziner. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ich erst mit 31 Jahren in den Orden ging. Davor blieb genügend Zeit, mich im Leben vor den Klostermauern zu bewähren. Als Beruf erlernte ich Metalldreher. Mit der Zeit erschien es mir aber wichtiger, mich für ein friedliches Miteinander einzusetzen. Für dieses Ziel wollte ich mich mit ganzer Person zur Verfügung stellen. Damit blieb ich Handwerker, allerdings als Werkzeug des Friedens. Das Leben als Kapuziner bot und bietet nach wie vor das für mich passende Umfeld. Es ist die Verbindung, in einer Klostergemeinschaft zu leben und parallel volksverbunden zu sein.

In Dieburg bedauert man bis heute, dass das Kloster nicht mehr existiert. Das dürfte auch in Ihren Korrespondenzen zum Ausdruck kommen.

Ich spüre immer wieder, dass die Kapuziner vermisst werden. Bei nicht wenigen Bürgern war der Abzug mit einem Schmerz verbunden. Auch mich hat es geschmerzt, und in mir wird eine Narbe bleiben. Als Seelsorger weiß ich darum, dass ein jeder Mensch zu lernen hat, dass Schmerz zum Leben gehört. Statt zu verdrängen muss man ihn als Realität zuzulassen. Mein Motto lautet deshalb: Blicke dankbar zurück, gehe weiterhin mutig deinen Lebensweg und behalte dir stets den himmelswärtigen Blick nach oben offen.

Was fühlen Sie, wenn Sie in Dieburg sind?

Es kommt mir so vor, als bin ich gar nicht weg. Stets fühle ich mich umgehend heimisch. Die Stunden in Dieburg, wie beim Fest, sind eine Zeit des Genießens und der Begegnung. Habe ich vorher hier gearbeitet, kann ich nun alles in Ruhe auf mich einwirken lassen. Dankbar kann ich auf das Geschaffene zurückblicken, was mit großem Engagement durch die Franziskusgruppe und andere weitergeführt wird. Der Klostergarten ist eine wahre Oase, wo die Seele Raum findet, sich zu öffnen für das Geschenk der Mutter Erde. Sie gilt es zu schützen und zu bewahren.

An wen oder was erinnern Sie sich in Dieburg besonders gerne?

Es ist die Verwurzelung der Kapuziner in der Bevölkerung, welche sich über die Jahrhunderte immer weiter vertieft hat. Daraus entstand eine Treue zu jedem Kapuziner, der kam. Das Miteinander als Glaubende war schön, auch im Alltag, als Freud und Leid geteilt wurden. Wir hatten Kontakt zu vielen Gruppen und Mitmenschen, die hier ein- und ausgingen. Dazu zählen jene Frauen, die in zwei Putzteams wöchentlich die Kirche und die Wirtschaftsräume reinigten. Im Anschluss wurden wir Kapuziner eingeladen, mit ihnen Kuchen zu essen und Kaffee zu trinken.

In welcher Weise verbindet das?

Das verbindet sehr tief, weshalb der Kontakt auch nach der Schließung des Klosters bestehen blieb. So mangelt es mir bis heute nicht an privaten Einladungen, auf einen Besuch nach Dieburg zu kommen. Das Wendelinus-Fest hat natürlich den großen Vorteil, dass ich hier viele Leute auf einmal treffe. Zuhause könnte ich die vielen Freunde und Bekannte nur zum Teil aufsuchen.

Was waren die am häufigsten gestellten Fragen an Sie auf dem Wendelinus-Fest?

Ganz vorne standen natürlich, wie es mir geht und wann ich wiederkomme.

Und wann kommen Sie wieder?

Während andere ihr Herz laut einem Lied in Heidelberg verloren haben, so habe ich meines in Dieburg ansässig werden lassen. Verloren habe ich es nicht, sondern es schlägt weiter in Hessen für die Menschen, die um unser einstiges Kloster leben. Wenn ich dürfte, würde ich sofort wiederkommen – und bleiben. Pace e bene, auf ein baldiges Wiedersehen!

Das Gespräch führte Michael Just.

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