„Auf das Warum gibt es keine Antwort“

Am Unfallort hat der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club Darmstadt ein Geisterfahrrad aufgestellt. Bundeswehr und Schachfreunde kümmerten sich um einen kleinen gemauerten Bereich mit einem Kreuz und einer Schachfigur. Foto:s just

Vor etwas mehr als einem Jahr kam Lorenz Maximilian Drabke bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Verursacher hatte am Steuer sein Smartphone genutzt. Jetzt ist das Urteil gefallen. VON MICHAEL JUST

Dieburg/Pfungstadt – 15 Monate Haft ohne Bewährung – so lautet die Strafe, die das Amtsgericht Darmstadt am Freitag gegen einen Autofahrer ausgesprochen hat, der am Steuer sein Handy genutzt und dabei einen tödlichen Unfall mit einem 33-jährigen Radfahrer verursacht hat. Das Unglück ereignete sich am 13. August vergangenen Jahres auf der Bundesstraße 3 an der Major-Plagge-Kaserne in Pfungstadt. Auch in Dieburg, dem Heimatort der Eltern, löste der Fall große Bestürzung und Anteilnahme aus.

Die Richterin sah es als erwiesen an, dass der Kurierfahrer aus Alsbach-Hähnlein grob fahrlässig handelte. Mit ihrem Strafmaß ging sie über eine Bewährungsstrafe, die eigentlich erwartet wurde, hinaus.

Lorenz Maximilian Drabke, der in der Kaserne als Stabsapotheker seinen Dienst versah und auch dort wohnte, befand sich gegen 20 Uhr auf einer Feierabend-Radtour. Auf dem Seitenstreifen fuhr ihn der 52-Jährige mit hoher Geschwindigkeit von hinten an. In diesem Bereich teilen sich Autofahrer und Pedaltreter die Fahrbahn. Der Abschnitt für die Zweiradbenutzer wird lediglich durch eine Linie farblich abgegrenzt.

Dass der Unfallverursacher sich durch Drücken auf seinem Handy immer wieder im Blindflug bewegte, hatte er in den vier Prozesstagen stets hartnäckig geleugnet, doch Kriminaloberkommissar Robert Gnielka, IT-Spezialist des Polizeipräsidiums Südhessen, las die Handy-Daten des Kuriers akribisch aus. Dabei stieß er auf zahlreiche Aktivitäten in den sozialen Medien zwischen 19.56 und 20.02 Uhr. Dieser Zeitraum ist deckungsgleich mit dem Unfallzeitpunkt.

Die Untersuchungen von Marco Bauer, Unfall-Analytiker bei der Dekra, hatten zudem ergeben, dass es keine Bremsspuren gab. Wie er anführte, sei davon auszugehen, dass der Kurier bereits vor dem Aufprall mehrfach auf dem Seitenstreifen fuhr und sogar das Bankett streifte. Das Handy legte er trotzdem nicht zur Seite.

Die Staatsanwaltschaft berief sich in ihrer Anklage darauf, dass bereits 200 Meter beziehungsweise neun Sekunden vor dem Kontakt der Radfahrer gut zu erkennen gewesen sein musste. Dem folgte das Gericht mit dem Schluss, dass der Autofahrer, der den Radler bis zum Aufprall nicht gesehen haben will, seine Sorgfaltspflicht grob missachtet hat. Aus diesem Grund wurde eine Gefängnisstrafe verhängt. Für die Verteidigung besteht in den nächsten Tagen die Möglichkeit, Rechtsmittel einzulegen

Der Unfall fällt in eine Zeit, in der immer mehr Radfahrer im Straßenverkehr zu Tode kommen. 2018 belief sich deren Zahl bundesweit auf 432 Personen. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) und seine Ortsgruppen weisen momentan regelmäßig auf diese dramatische Entwicklung hin. An der Stelle, wo Lorenz Maximilian Drabke starb, stellte der ADFC Darmstadt zum einjährigen Todestag vor wenigen Tagen ein sogenanntes „Geisterrad“ auf. Komplett in weißer Farbe gehalten ist es Erinnerung und Mahnung zugleich.

„Fünf solcher Exemplare haben wir seit November 2017 bereits in Darmstadt postiert, darunter in der Eschollbrücker- und der Bismarckstraße. Im Raum Darmstadt-Dieburg waren die tödlichen Unfälle mit Radfahrern jüngst besonders hoch“, sagt Vorstandsmitglied Xavier Marc. Das Rad in der Nähe der Major-Plagge-Kaserne ist das Originalrad vom Unfall auf der B 3.

Für die Eltern sowie die beiden Geschwister des Opfers ergibt sich aus dem Engagement des ADFC ein wenig Trost. „Auch die Bundeswehr und die Schachfreunde haben in den letzten Monaten sehr viel Anteilnahme gezeigt“, erklären Marie Luise und Günther Drabke. Ihr Sohn hatte Pharmazie und Lebensmittelchemie studiert und war in Pfungstadt als Stabsapotheker tätig. Seine Leidenschaft für Schach brachte ihm mehrere internationale Titel ein. Turniere der Nato führten den sportlichen Offizier bis nach Übersee. Die Bestürzung über den tragischen Unfall und die Trauer waren auch am Wohnort der Eltern, und damit in Dieburg, groß.

Trotzdem helfen sie Marie Luise und Günther Drabke auch ein Jahr später nur schwer über den Schmerz, den Eltern bewältigen müssen, wenn ein Kind vor ihnen aus dem Leben scheidet. Nach dem Unglück vertreten sie die Meinung, dass das Benutzen von Mobiltelefonen am Steuer weitaus höher bestraft werden sollte als bisher üblich. Die damit verbundenen Gefahren seien einfach zu groß. Immer noch würden zu viele Autofahrer im Straßenverkehr telefonieren und zeigten sich von den drohenden Folgen unbeeindruckt. Die Richterin am Amtsgericht führte zum Benutzen von Handys im Auto an, dass dabei jene Beeinträchtigungen auftreten, wie sie auch unter Alkoholeinfluss entstehen.

Den Begriff der „Fahrlässigkeit“ nach Unfällen durch Mobiltelefone betrachten Marie Luise und Günter Drabke mittlerweile ebenfalls als unzureichend, vor allem dann, wenn Tote zu beklagen sind. „Das hohe Risiko ist bekannt, die Grenzen zu potenziellem Totschlag oder sogar Mord sind deshalb fließend“, sagen sie.

Der Unfall ihres Sohnes hat für sie des Weiteren aufgezeigt, dass Radfahrwege durch eine Leitplanke oder einen Grünstreifen von der Straße abgetrennt werden sollten. Dass Fahrstreifen und letztlich die Körper von Menschen – wie etwa in Dieburg in der Groß-Umstädter-Straße – dazu benutzt werden, die Straße zu verschmälern und damit die Geschwindigkeit von Autos zu reduzieren, sei ein Unding. Das fördere die Gefahr von Unfällen, die immer zu Lasten der Zweiradfahrer gehen.

Derzeit bleibt Marie Luise und Günther Drabke nur die Hoffnung, dass ihr Sohn nicht völlig umsonst gestorben ist und die steigende Zahl an tödlich verunglückten Radfahrern zu Konsequenzen führt. „Verstehen lässt sich das nicht, dass in unserem Fall ein Mensch durch die vermutlich nicht allzu wichtige Nutzung der sozialen Netzwerke sein Leben verloren hat“, sagen sie und ergänzen: „Mit Blick auf den 13. August 2018 können wir nur Antworten auf das ,Wie‘ erhalten. Auf das „Warum‘ wird es wohl keine geben.“

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