Augenzeugen mit grobem Pinselstrich

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Babenhäuser Künstlerin Gudrun J. Gottstein stellt im Amtsgericht aus. Die Künstlerin Gudrun J. Gottstein (r.) mit ihrer Tochter Sabine vor einer Strandszene auf Djerba.

Dieburg - Augenzeugen im Amtsgericht? Wahrlich keine Seltenheit. Doch an diesem Abend waren zahlreiche Besucher eigens in das Justizgebäude gekommen, um die versammelten Augenzeugen mit eigenen Augen zu sehen. Von Laura Hombach

Und während sich jene Zeugen, die normalerweise hierher kommen, um mit ihrer Aussage der Wahrheitsfindung zu dienen, über solch unverhohlene Inaugenscheinnahme eher gewundert hätten, nahmen ihre Namensvetter den Trubel und das Angestarrtwerden mit stoischer Gelassenheit hin.

Ja, der Hausherr, Amtsgerichtsdirektor Frank Richter, freute sich geradezu über die vielen intensiven Blicke, denen sich die Augenzeugen auszusetzen hatten. Denn als Augenzeugen standen keine Personen, sondern Bilder der Babenhäuser Künstlerin Gudrun J. Gottstein im Fokus des Interesses. Ihre Ausstellung im Dieburger Amtsgericht hat Gottstein unter das Motto „Augenzeugen“ gestellt. Die Bilder, die Szenen aus aller Welt zeigen, sind kurze Begegnungen - das was im Alltag und auf Reisen „passiert“. Die Ölgemälde werden so zu auf Leinwand gebannten Augenzeugenberichten des eingefangenen Moments.

Richter sprach in seiner Eröffnungsrede davon, dass Augenzeugen zwar ein wichtiges, oft aber auch ein wenig verlässliches Beweismittel seien. Die menschliche Erinnerung sei lückenhaft. Jeder Zeuge habe eine subjektive Erinnerung von Erlebtem und es sei für Dritte, auch für ein Gericht, immer eine Herausforderung, die objektive Wahrheit herauszufinden. Bei den Bildern von Gudrun J. Gottstein sei dies ähnlich. Auf den ersten Blick zeigten sie klare Sachverhalte, doch bei näherem Hinsehen verändere sich die Aussage. „Was erst fröhlich wirkt, wird ernst und nachdenklich. Was alltäglich erscheint, wird besonders Richter.

Und so lud auch die Künstlerin, die die Gäste im Zwiegespräch mit ihrer Tochter Sabine Gottstein begrüßte, zu einer Schatzsuche in ihren Bildern ein. „Die Bilder halten Überraschungen bereit“, versprach sie.

Hervorgegangen sind die Bilder aus einem interaktiven Kunstprojekt mit dem Titel „Mit fremden Augen“. Gottstein hatte dazu Urlaubsfotos ihr fremder Personen gesammelt. Fast tausend Bilder aus aller Herren Länder hatten Hobby- und Profifotografen an die Künstlerin geschickt. Viele davon wären ansonsten wahrscheinlich als verwackelt oder misslungen in der Schublade gelandet: So dreht die Frau am Strand von Djerba dem Fotografen den Rücken zu, beim Christopher Street Day stören eine ins Bild ragende Hand und ein Kopf die Aufnahme von zwei gestylten Teilnehmern im Minikleid. Doch gerade das, was im Bildhintergrund passiert, weckt häufig das Interesse der Künstlerin. „Ich brauche Bilder, die Bewegung zeigen. Oft handelt es sich dabei um Nebenschauplätze“, erklärte Gottstein den Gästen der Vernissage, die musikalisch von den „Drei Leuten vom Land“ untermalt wurde.

Mit groben Pinselstrichen gibt Gottstein diese Bewegung in ihren gegenständlich-expressiven Bildern wieder. „Sie verwendet keine technischen Hilfsmittel. Zunächst zeichnet sie mit Pastellkreide vor. Beim späteren Malen mit Ölfarben bleiben diese Vorzeichnungen teils sichtbar, teilweise scheint sogar noch die Leinwand durch“, schildert Tochter Sabine den ganz eigenen Stil ihrer Mutter. Im Gegensatz zum Augenzeugen vor Gericht kann sich die Künstlerin bei ihren Momentaufnahmen auch ohne schlechtes Gewissen zu Abwandlungen des Originalbilds bekennen. So wählt sie bewusst Ausschnitte aus den Fotos, zoomt den Bildhintergrund näher heran. Die Szene rutscht so näher an den Betrachter, der nun auf dem Bild vom Strandurlaub auf Djerba auch die Pferde und das Kamel - das laut Aussage des Fotografen übrigens Helmut heißt - deutlich sehen kann.

Die Ausstellung ist die fünfte der Reihe „Kunst im Amtsgericht“, die es seit 2011 gibt. Er habe gute Erfahrungen mit den Ausstellungen gemacht, schilderte Richter. Den Leuten, die hier darauf warten müssten, in den Verhandlungsraum gerufen zu werden, würde durch das Betrachten der Bilder ein wenig die Anspannung genommen. Zugleich sollen die Ausstellungen, die auch allen anderen Besuchern offen stehen, helfen Berührungsängste abzubauen. „Viele Leute sind immer noch weit davon entfernt, freiwillig den Weg hierher zu finden“, so der Amtsgerichtsdirektor. Bürgermeister Dr. Werner Thomas regte mit einem Augenzwinkern an, bei der nächsten Vernissage noch einmal deutlich darauf hinzuweisen, dass diese nach den Geschäftsstunden des Gerichts stattfinde und deshalb bedenkenlos besucht werden könnte. Interessierte, die sich die Ausstellung mit den Werken Gottsteins wollen, können dies noch bis zum 31. Januar tun. Allerdings muss man sich hierfür während der Öffnungszeiten (montags bis freitags 9 bis 12 Uhr) über die Schwelle des Amtsgerichts wagen.

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