Corona-Krise

Ausgangssperre am Traumstrand: Lisa Hager, ehemalige Redaktionsleiterin des Dieburger Anzeigers, sitzt wegen Corona auf den Philippinen fest

Normalerweise drängeln sich hier die Menschen: Jetzt tröpfeln die Kunden allenfalls. Nur eine begrenzte Zahl wird gleichzeitig in den Markt gelassen. Fotos: hager

Moalboal – Bilder, die die Stadt Moalboal im Westen der Insel Cebu derzeit auf Facebook postet, erinnern mich und meinen Mann Bruno an den November 2013. Lastwagen voller Reissäcke sind unterwegs, um die Bedürftigen mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen. 

Moalboal – Auch wir waren damals nach dem verheerenden Taifun Yolanda mit einem Mülllaster der Gemeinde unterwegs, um unsere privaten Spenden zu verteilen.

Jetzt stehen die Philippinen wieder vor einer schweren Aufgabe: den richtigen Weg zum Schutz der Bevölkerung vor dem unsichtbaren Feind Corona zu finden, ohne das Entwicklungsland durch zu drastische Maßnahmen in den wirtschaftlichen Ruin zu treiben.

Beherzt und schnell hat die Regierung reagiert und das Land schon Anfang Februar für alle Flüge aus Risikogebieten komplett gesperrt. Andere Passagiere wurden streng kontrolliert, Flugzeuge desinfiziert. Mitte März – viel früher und strenger als in Deutschland – wurde neben einem Kontaktverbot auch die verschärfte Ausgangssperre verhängt. Sie soll vorerst bis Ende April dauern. Zu dem Zeitpunkt waren im Inselreich der Philippinen erst ein paar Hundert Infizierte bekannt, bei rund 100 Millionen Einwohnern.

Inzwischen sind es 6 599 Infizierte und 437 Tote (Stand: 22. April).

Bei Coast Guard Balaba (rechts) habe ich mit meinem Ausflug zu den Fischern auf die Mole Aufsehen erregt. Als ich ihm meinen Quarantäneausweis zeige, ist er zufrieden, schickt mich höflich, aber bestimmt zurück. Spaziergänge „just for fun“ sind nicht erlaubt.

Dass es auch in unserem Taucherort Moalboal langsam ernst wird, merkten wir, als auch Mitte März tauchen und schnorcheln verboten wurde. Traurig teilte uns das der Chef unserer Tauchbasis mit. Die jungen Philippinos, die bei ihm als Guides tätig sind, ließen die Köpfe hängen. Kein Tauchbetrieb, kein Lohn. Auch die vor allem bei asiatischen Touristen beliebten Inselhüpferboote, die Schnorchler zu entfernten Stränden fahren, mussten den Betrieb einstellen. All das für zwei Wochen, hieß es.

Dann aber ging es Schlag auf Schlag: Da eine Horde von jungen Rucksacktouristen trotz Kontaktverbots weiter fröhliche Beachpartys feierten, erließ die Bürgermeisterin ein generelles Schwimmverbot. Und das bei rund 35 Grad im Schatten. Damit sollten Zusammenrottungen am Strand verhindert werden.

Durch verbesserte Testmöglichkeiten stieg die Zahl der registrierten Infizierten vor allem im Großraum der Inselhauptstadt Cebu weiter an. Strenge Quarantäne wird hier wörtlich genommen. Das heißt, wir müssen generell im Haus bleiben. In unserem kleinen Resort – mit Palmblättern gedeckte Häuschen – leben mit uns derzeit elf Ausländer. Wir verstehen uns Gott sei Dank alle gut und helfen uns.

Pro Haushalt hat der Ortsteilbürgermeister (Barangay Captain), so etwas wie in Hessen der Ortsvorsteher, einen Quarantänepass ausgegeben. Damit darf nur der darauf mit Foto und Namen Angegebene kurz zum Einkaufen gehen oder Medizin besorgen.

Wie schnell all diese Regelungen umgesetzt wurden, quasi über Nacht, hat uns sehr erstaunt. Die Gemeinde hat ganze Heerscharen von Freiwilligen auf die Beine gestellt, die Pässe ausgaben, Bürger über wichtige Verhaltensregeln wie Mundschutz tragen und Hände waschen informierten und mit der von der Regierung angekündigten Lebensmittelverteilung begannen.

In unserem gemütlichen Örtchen steigen in „Normalzeiten“ Taucher mit ihren Pressluftflaschen aus dem Meer, jauchzende Kinder springen von den Booten aus ins Wasser, während Mama oder Papa schon die primitiven Grills anheizen, um ein paar Pesos mit Fleischspießchen zu verdienen. Jetzt patrouillierten plötzlich schwer bewaffnete Soldaten und Sondereinheiten der Polizei vor dem Hintergrund des türkisblauen Meeres.

Eingang zum abgeriegelten Markt in Moalboal. Auch bei mir wird – wie bei allen Besuchern – vorher mit einem kontaktlosen Fiebermessgerät die Körpertemperatur erfasst. Ein Angehöriger der Marine steht daneben mit Desinfektionsmittel bereit.

Auch die schnell errichteten Checkpoints wurden anfangs von Militärs besetzt. Wohl um klar zu machen, dass es ernst ist. Es kam auch schon zu Schießereien. Inzwischen hat sich alles eingependelt. An den Checkpoints kontrollieren Freiwillige, die Polizei ist im Hintergrund aber stets greifbar.

Alle Flug- und Seehäfen wurden Mitte März dicht gemacht, reguläre Flüge gab es nicht mehr, auch keine Schiffsverbindungen zwischen den Inseln.

Dann kam die Information, dass Deutschland Rückholflüge organisiert. Ein ganz lieber Freund aus Dieburg hat uns per E-Mail immer auf dem Laufenden gehalten („danke, Walter“). Allerdings hat die Deutsche Botschaft in Manila unserer Meinung nach keinen guten Job gemacht. Man musste sich täglich mit allen Daten neu in das Rückholprogramm eintragen und das bei langsamem und oft ausfallendem Internet. Lange Zeit war die Botschaftsseite überhaupt nicht erreichbar. Nach vielen nervenaufreibenden Versuchen und etlichen schlaflosen Nächten haben wir uns entschieden zu bleiben. Vermutlich wären wir gar nicht bis zum Flughafen gekommen, da die Großstadt Cebu schon abgeriegelt war. Oder noch schlimmer, nicht mehr an unseren Ort zurück gekommen. In den Städten durften die Hotels auch keine Gäste mehr aufnehmen, vielleicht wären wir auf der Straße gelandet. Es gab laut Auswärtigem Amt nämlich keinerlei Garantie dafür, dass man überhaupt einen Platz im Flieger bekommt. In Thailand hat die Deutsche Botschaft das Prozedere besser gelöst. Dort konnte sich jeder Interessierte gleich bei der Airline für den Rückflug verbindlich anmelden.

Jeder Ortsteil und die Ausfallstraßen sind mit Checkpoints abgeriegelt. Anfangs wurden sie auch schwer bewaffnet bewacht. Jetzt übernehmen Freiwillige der Gemeinde, unterstützt von Polizei und Militär, die Kontrollen.

So warten wir jetzt ab, wie es nach dem 30. April weitergeht. Wir rechnen mit einer Verlängerung der Sperre unter erleichterten Bedingungen. Wann wir hier wegkommen, ist ungewiss. Alle unsere Flüge sind gecancelt. Vor Anfang Juni wird es kaum neue nach Deutschland geben.

Gut, dass ich eine Gitarre hier habe und mir alte längst vergessen geglaubte Gymnastikübungen wieder einfallen.

Dass uns Philippinos anfeinden, weil wir Ausländer sind – wie man es aus anderen Ländern hört –, haben wir nicht erlebt. „Das ist doch besser hier als in Europa, da ist es jetzt doch viel gefährlicher“, hat mir gestern Raul gesagt, der in unserer kleinen Anlage als „Mann für alles“ unter anderem dafür sorgt, dass wir weiterhin Trinkwasser in Kanistern kaufen können. „Bleibt ruhig da.“

Präsident Rodrigo Duterte, die meisten Senatoren und Kabinettsmitglieder haben übrigens – im Gegensatz zur Bundesregierung – angekündigt, wegen Corona bis Dezember 75 Prozent ihrer Gehälter zu spenden. Ungleiche Parallele? In Deutschland wird im Bundestag diskutiert, auf eine Erhöhung der Diäten zu verzichten ...

Allen Leserinnen und Lesern des Dieburger Anzeigers wünsche ich alles Gute. Bleiben Sie gesund!

Lisa Hager und ihr Mann Bruno warten ab, wie es nach dem 30. April weitergeht.

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