Der Stress im Wartezimmer

Buch der Dieburger Ärztin ist auch Erfahrungsbericht

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Erst mit 27 Jahren erfuhr Dr. Christine Preißmann von ihrer eigenen Autismus-Erkrankung.

Dieburg - „Menschen mit Autismus wird der Zugang zum Gesundheitswesen durch viele Hürden erschwert“, sagt Dr. Christine Preißmann. Um diese Situation zu verbessern, hat die Ärztin aus Dieburg, die selbst unter dem Asperger- Syndrom leidet, ein Buch veröffentlicht. Von Sabine Müller 

Es ist bereits die sechste Publikation der 46-Jährigen, die zuvor schon über „alle Facetten von Autismus“ geschrieben hat, wie sie im Interview sagt. Im jetzt veröffentlichten 204 Seiten starken Werk fokussiert die Autorin das Thema „Autismus und Gesundheit“. Eigentlich ist die Gesundheitsversorgung ein Bürgerrecht. Doch Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen partizipierten davon oft unzureichend, sagt Preißmann. „In den Bereichen Medizin und Therapie gibt es noch viel zu tun.“ Bisher fehlte dazu Informationsmaterial. Ihr Buch, das sich sowohl an Fachleute als auch an Angehörige richte, enthalte Anregungen, wie eine Zusammenarbeit zwischen Betroffenen und medizinischem Personal gelingen könne.

Die Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie ist in der Psychiatrischen Klinik in Heppenheim im Suchtbereich tätig. Seit drei Jahren lebt die gebürtige Dieburgerin größtenteils in Darmstadt: „Der Umzug vollzieht sich schrittweise.“ Ihre eigene Behinderung habe sich ihr erst mit 27 Jahren offenbart, berichtet sie, als sie in der Endphase des Studiums eine Psychotherapeutin aufgesuchte, weil sie viel allein und depressiv gewesen sei. Mit deren Hilfe entdeckte sie die Ursache ihrer Behinderung – „das Wissen über Autismus kam damals gerade erst auf“. Für sie ein großes Glück aber auch ein Schrecken, weil so wenig darüber bekannt war. „Der Informationsbedarf ist jedoch groß, deshalb mache ich Öffentlichkeitsarbeit“, sagt die Dieburgerin, die Vorträge vor großem Publikum hält und eine Selbsthilfegruppe in Frankfurt moderiert. In den Gruppen habe sie erstmals so was wie Freunde gefunden.

„Man muss die eigene Erkrankung deutlich machen, sonst bekommt man weder Verständnis noch finanzielle Hilfe.“ Genau dies aber fällt Menschen mit Autismus oft schwerer als anderen. Die Autorin arbeitet mit Fallbeispielen und stützt sich dabei auf Erfahrungsberichte von Eltern und von Autismusverbänden, die sie angefragt hat. So kann schon der Aufenthalt im Wartezimmer zu Stresssituationen führen, wenn Menschen durcheinander reden, Gerüche ausströmen und vielleicht noch der Drucker lärmt. Dazu die Angst vor dem Unbekannten. „Diese Patienten sind ein bisschen aufwändiger, brauchen länger, oder werden aggressiv, wenn sie nicht wissen, was auf sie zukommt“, weiß Preißmann. Weil Ärzte aus diesen Gründen oft ihre Behandlung ablehnten, hätten viele gar keinen Hausarzt. Dabei könnten kleine Maßnahmen große Wirkung erzielen. „Die spontane Reaktion am Telefon fällt Autisten oft schwer. Ich habe gute Erfahrungen gemacht mit schriftlichem Vortasten beim Zahn- und Nervenarzt. Und wer sich morgens früh einen Termin geben lässt oder vor der Tür bleibt, umgeht das Wartezimmer.“

Ein Kapitel widmet Preißmann gesunder Lebensführung – „mangels Kontakte haben viele Autisten hier ein Informationsdefizit“ – und Sport: „Motorische Schwierigkeiten gehören zum Krankheitsbild, oft ist es aber schwierig, die passende Sportart zu finden.“ Auch auf Medikamente reagierten Autisten stärker; sie sollten bei häufigen Begleiterkrankungen wie Depression, Ängsten und ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) geringer dosiert werden. Noch empfindlicher würden die Sinne im Alter, weshalb die Autorin verlangt, dass der Umgang mit Betroffenen in die Pflegeausbildung gehört.

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Überhaupt habe sie „viele unschöne Berichte bekommen“, sagt Preißmann. Etwa über Kollegen, die ohne Ankündigung und vielleicht noch mit kalten Händen auf den Bauch drückten. „Besser wäre ein ruhiges Zimmer fürs informative Erstgespräch, und abtasten kann man auch durch ein T-Shirt oder eine dünne Decke.“ Die Ärztin überlegt, ob nicht eine regelmäßige Spezialsprechstunde in ihrer Heppenheimer Klinik eingerichtet werden könnte. „So etwas gibt es kaum; manchmal treffe ich mich mit Betroffenen zum Gespräch im Café.“

Christine Preißmann, „Autismus und Gesundheit“, Kohlhammer 2017, ISBN 978-3-17-032027-7.

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