Barrieren in Köpfen und Alltag abschaffen

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Das Foto zeigt die sieben Gründungsmitglieder. Die beiden Vorsitzenden von „Barrierefreies Dieburg e. V.“ sind Christian Schneider (links) und Eva Rosenau (rechts).

Dieburg - „Wir sind keine Lobby für bestimmte Gruppen, sondern für alle“, sagt Eva Rosenau. Mit „Wir“ meint Rosenau den neu gegründeten Verein „Barrierefreies Dieburg“, der seit einigen Tagen auch offiziell im Vereinsregister eingetragen ist. Von Jens Dörr

Mit „alle“ meint die Rollstuhlfahrerin derweil vor allem Menschen, denen es geht wie ihr: Menschen mit körperlicher Behinderung. „Aber auch für die hiesigen Menschen mit geistiger Behinderung wollen wir ein Sprachrohr sein“, betont Karl Matthias Schäfer, der seit seiner Geburt blind ist. „Wir wollen das Thema Barrierefreiheit in den Köpfen präsenter machen, die Leute einfach stärker für Aspekte rund um das Thema sensibilisieren“, fasst Christian Schneider, der für die Grünen im Dieburger Stadtparlament sitzt, zusammen.

Mitstreiter gesucht

Auch aktive und passive Vereinsmitglieder werden von nun an gesucht. Mit einem „Barrierefreien Stadtfest 2010“ und einem „barrierefreien Stadtplan“ gibt es bereits erste konkrete Projekte, die die Gründungsmitglieder vorantreiben wollen. Interessierte können sich melden bei Eva Rosenau, 06071/823690 oder 0176/ 20936938.

Rosenau, Schäfer und Schneider sind drei der sieben Gründungsmitglieder des neuen Vereins. Von der ersten Stunde an mit dabei sind bei „Barrierefreies Dieburg“ auch Anna Klose, Björn Koch, Regine Gramling und Bernhard Knitsch – außer Rosenau und Schäfer alle ohne Behinderungen, aber dennoch vertraut mit der Thematik oder zumindest daran stark interessiert. Gramling etwa hat einen 24-jährigen Sohn mit Behinderung, Knitsch bildet Krankenschwestern aus. Die Initiative ergriff in erster Linie Eva Rosenau, die sich – aufmerksam geworden durch einen Artikel im DIEBURGER ANZEIGER – rasch mit Schäfer vernetzte. Er hatte unserer Zeitung einen Arbeitstag lang Einblicke in das Leben eines Blinden gegeben, der in einer Führungsposition in einem Unternehmen ist.

Viele Kleinigkeiten rund um den Umgang mit behinderten Menschen und vor allem die mangelnde Barrierefreiheit Dieburgs im öffentlichen Raum sind den sieben Gründungsmitgliedern schon lange mehr oder weniger häufig aufgefallen – ein Grund, sich nun besonders stark in die zukünftige Gestaltung einer weitestgehend barrierefreien Heimatstadt einzubringen.

Ob das Gegebenheiten im Verkehr, in Gebäuden oder schlicht im persönlichen Umgang „normaler“ Menschen mit Behinderten sind – nicht nur nach Ansicht der beiden Vereinsvorsitzenden Rosenau und Schneider gibt es viel zu tun in Dieburg.

Blindengerechte Ampeln auf dem Wunschzettel

Gramling ist da etwa bei der vor einigen Wochen veranstalteten Orgelmeile aufgefallen, dass sie ihren Sohn im Rollstuhl in keine einzige Kirche problemlos hineinfahren konnte, die an sich tolle Veranstaltung also nur unter erschwerten Bedingungen genießen konnte. Schäfer würde sich an bestimmten Verkehrspunkten in Dieburg blindengerechte Ampeln wünschen, Schneider moniert, dass es an einer ganzheitlichen barrierefreien Ausrichtung Dieburgs mangele. „Der Status Quo besteht nur aus kleinen Punkten wie zum Beispiel der behindertengerechten Toilette im Rathaus“, moniert Schneider. Gramling wirft unterdessen ein, Dieburg habe nichtsdestotrotz schon „viele Einrichtungen, die den Behindertengruppen gerecht werden.“

Die eine oder andere Meinungsverschiedenheit wird es auch innerhalb des Vereins „Barrierefreies Dieburg“ zweifellos geben. „Bei den Bordsteinen ist es etwa für Rollstuhlfahrer gut, wenn es keine Hubbel gibt“, bringt Schäfer als Beispiel. „Für Blinde ist es dämlich.“ Dann sei das mit dem Ertasten per Stock nämlich schwierig.

Alles in allem gehe es aber gar nicht darum, alles schlecht zu reden oder nur zu diskutieren – gerade mit dem Stadtleitbildprozess, in dem auch das Thema Barrierefreiheit als bedeutsam betont wird, bewege man sich in Dieburg in die richtige Richtung. „Barrierefreies Dieburg“ wolle aber die Anlaufstation Nummer eins für Behinderte, Alte, Gebrechliche und die Angehörigen geistig Behinderter sein.

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