„Berschte“ als Lebenselixier und Lenins Kleiderbügel

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Mit 90 Jahren immer noch gut gelaunt beim „Berschte“ machen: Viktor Wick im Minnefeld ist ein Dieburger Original.

Dieburg -  Die Ladenglocke läutet immer noch.. „Die braucht er, um der Dieburger Kundschaft weiterhin seine Witze erzählen zu können“, sagt seine Frau Irma. Der Lebensweg des „Berschte– Wick“ - gestern ist er 90 geworden - geht immer noch positiv weiter. Er kennt viele, „die nur am Jammern sind“, sagt er kopfschüttelnd. Medikamente oder Tabletten braucht er selbst noch keine, er wüsste nicht so recht wofür. Von Armin Kaiser

In seinem organisierten Chaos von Besen, Rasierpinseln, Fegern, Kleiderbügeln oder sonstigem allerlei, werden Kunden jederzeit fündig: Das „Berschteparadies“ befindet sich im Minnefeld 34 gegenüber dem Kapuzinerkloster.

Erinnerungen sind das Schönste im Leben“, so Viktor Wick und erzählt mit schelmischer Miene aus seiner bewegten Vergangenheit. Ein unverwüstlicher Lausbub sei er halt gewesen. Im Fechenbachpark überlebte er einen gefährlichen Sturz vom Baum: „Ich hing wie ein Ochs am Spieß“, erinnert er sich. 1934 absolvierte er eine Lehre als Bäcker und Konditor in der Feinbäckerei Oestreicher. Danach arbeitete er als Hotelkonditor im „Panorama Strandhotel“ am Ammersee. Dann begann Wick eine Lehre als Koch. Die weiteren Stationen waren der Rheinhof München und das Kurhotel „Viktoria“ in Bad Mergentheim.

6000 Kilometer Fußmarsch

Nach Kriegsbeginn kam er zu den Panzerpionieren nach Eisenach und wurde nach Frankreich, Russland und Finnland verlegt. An der russischen Front wurde er noch 1945 eingesetzt. Nach Kriegsende hieß es „Rette sich, wer kann“: Ein 6 000-Kilometer Fußmarsch über Norwegen, Rostock, Hamburg bis in die heimatlichen Gefilde nach Dieburg begann.

Seine vier Brüder wurden Opfer des Zweiten Weltkriegs. Auf den Äckern seiner Großeltern wurden Kartoffeln für die Dieburger Bevölkerung angebaut und verteilt. In der ärmlichen Nachkriegszeit begann man dann mit der Schwarzschlachterei und brannte heimlich Schnaps.

Als Fastnachtspräsident und Gründer des Carneval-Clubs schwadronierte Wick ab 1949 auch als Vortragender beim Karnevalverein und hatte die Lacher mit seinem „Geschenke-Care-Paket aus Übersee“ ganz auf seiner Seite. Als „Fastnachtsauffrischer“, so nennt es Wick heute, organisierte er die Sitzungen und Umzüge. Beruflich ging es bei ihm bergauf: Als Chefkoch arbeitete er im Schwarzwald, in Stuttgart und in Garmisch- Partenkirchen.

In der Schweiz bekochte er in Murrten im „Hotel Krone“ den ersten Bundespräsidenten Deutschlands, Theodor Heuss. 1951 tischte er in der Schweiz Bundeskanzler Konrad Adenauer auf: Im „Alpina“ in Mürren.

Drei Kleiderbügel von Lenin

1953 bekam er als Küchenchef im Hotel „Kientaler Hof“ im Berner Oberland aus dem Nachlass von Lenin, der 1917 dort wohnte und die Russische Revolution vorbereitete, drei Kleiderbügel geschenkt. Wick spendete die Raritäten dem Heimatmuseum in Wald-Michelbach.

15 Jahre arbeitete er noch als Chefkoch an der Technischen Hochschule in Darmstadt. Kochrezepte hält er auch heute immer noch für jedermann parat.

Die „HobbyBerschterei“, so nennt Wick seine spätere Berufung, übernahm er damals von seinen Eltern und führt sie bis heute. Ehefrau Irma (79) bekocht noch heute ab und an die Kapuzinerpater im benachbarten Kloster.

Zwei Töchter und vier Enkel freuen sich mit dem stadtbekannten Jubilar. Und welche Lebensweisheit hat „Berschte-Wick“ für seine Dieburger parat? „Man soll in den heutigen Zeiten, wo es immer enger zugehen wird, nichts in sich reinfressen, sondern gut gelaunt weitermachen“, sagt er spontan.

Und wenn es mal nicht so gut läuft, hat Wick immer noch sein bewährtes Lebensmotto parat: „Trost gibst du in allen Dingen, Ritter Götz von Berlichingen…“.

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