Dieburg

Bestiarium im Museum: Löwen, Bärenkinder und ein Orang-Utan

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Die beiden tapsigen jungen Bären zogen bei der Eröffnung der Sonderausstellung im Museum am Mittwochabend die meisten Blicke auf sich. Zwölf Tierplastiken des Hanauer August Gauls - darunter eine Löwin (kleines Bild) - sind hier noch bis Mitte April zu sehen.

Zwei tapsige Bärenkinder schauen den Besucher neugierig an. Ob sich der einsame Orang-Utan in der Ecke abgeschoben fühlt? Aber vielleicht liegt es auch an seiner typischen Haltung, dass er etwas bedrohlich rüberkommt.

Dieburg - Hinter Glas reckt ein Strauß seinen langen Hals in die Luft, und gelassen blickt die Löwin in eine unbekannte Ferne. Ob sie hier mitten im Sonderausstellungsraum des Museums von der heißen Steppe träumt? „Sie haben zwar keinen Zoo in Dieburg, aber mit August Gaul jetzt zumindest ein richtiges Bestiarium“, sagte Richard Schaffer-Hartmann, Leiter der Museen der Stadt Hanau, scherzend bei der Eröffnung am Mittwochabend.

Der Dieburger Bildhauer Martin Konietschke hat den Kontakt nach Hanau geknüpft. Und da das Museum Großauheim gerade saniert wird, gelang es, einen Teil der Bronzeplastiken des berühmten Sohnes des Hanauer Stadtteils für eine Sonderausstellung nach Dieburg zu holen. 13 Plastiken sowie zwölf Grafiken und Zeichnungen sind jetzt bis 15. April hier zu sehen. Danach werden sie ins neu konzipierte Museum Großauheim umsiedeln.

Die Sammlung von grafischen und plastischen Werken Gauls (1869-1921) im Bestand der Hanauer Museen zählt zu den bedeutendsten Deutschlands im öffentlichen Besitz. Erster Stadtrat Wolfgang Schupp bedankte sich ausdrücklich für die Bereitstellung der Leihgaben. Er regte zudem an, dass Schulklassen sowie Zeichen- und Malkurse die Werke zur Inspiration nutzen könnten.

Museumsleiterin Maria Porzenheim erinnerte an ihre erste Begegnung mit einem Werk Gauls: Bei einem Schulausflug auf der Wasserkuppe in der Rhön sei sie damals schon von dem Fliegerdenkmal, einer Adler-skulptur Gauls, sehr beeindruckt gewesen. „Damals habe ich mir davon eine Postkarte gekauft. Wer hätte gedacht, dass ich Gauls Werke jetzt hier wiedersehe?“, sagte sie.

Schaffer-Hartmann bezeichnete Gaul in seinem Einführungsvortrag als „deutschen Bildhauer der klassischen Moderne“. Mit dem Sujet Tier betrat der als Modelleur und Ziseleur ausgebildete Großauheimer Neuland. Im 19. Jahrhundert rangierte der Tierbildhauer im öffentlichen Ansehen unter dem des „Menschenbildhauers“. Gaul widmete sich zwar bevorzugt der Tierdarstellung, schuf aber auch bedeutende Porträts zeitgenössischer Persönlichkeiten wie beispielsweise von Gerhart Hauptmann.

Der Sohn eines Steinmetz ging nach einer fundierten Ausbildung in der Materialbearbeitung in Stein und Metall 1888 nach Berlin und setzte dort seine Kunststudien fort. Im Berliner Zoo - der Gewinn einer Dauerkarte machte ihn zum Stammgast - entdeckte er die exotischen Tiere, die er zeichnete.

Gaul führte auch etliche öffentliche Aufträge aus - Denkmäler und Brunnen. Den überwiegenden Teil seiner Arbeit widmete er aber frei gewählten Themen - meistens Tieren.

Zunächst arbeitete Gaul nach Zeitgeschmack: dem modischen Stil des verspielten Neubarock. Dieser Stil spiegelte sich in vielen monumentalen Kaiserdenkmälern wider. Als oberster Instanz in Sachen Kunstgeschmack galt damals Kaiser Wilhelm II. selbst. „Abweichende Richtungen qualifizierte er in der ihm eigenen grenzenlosen Überheblichkeit als Rinnsteinkunst oder Kunst der Gosse ab“, skizzierte Schaffer-Hartmann die künstlerisch Atmosphäre der Zeit.

Nach einer Italienreise wandte sich Gaul dem modernen Neoklassizismus zu. Hier wirkte er bald stilbildend für die klassische Moderne.

Am Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal gegenüber des Berliner Stadtschlosses war Gaul mit zwei Löwen beteiligt. Nur diese beiden Tiere überstanden die Zerstörung im Krieg und stehen heute im Tierpark Friedrichsfelde.

Nahezu zeitgleich entstand ein lebensgroßer Orang-Utan für das Naturkundemuseum, dessen kleinere Ausführung in Dieburg zu sehen ist.

Gefördert durch den einflussreichen Galeristen Paul Cassierer, entwickelte sich Gaul zu einer festen Größe des deutschen Kulturbetriebes. 1908 erhielt er den Professorentitel. Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehören der liegende Löwe vor der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel oder sein 1911 errichteter Entenbrunnen vor dem Renaissance-Theater.

Aber auch in Darmstadt ist Gaul präsent: Er ist der Schöpfer des Panthers im Treppenhaus des Landesmuseums.

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