„Bewegung ernährt das Gehirn“

Ehrengast Franz Müntefering (Mitte) stimmte beim Begrüßungslied des Seniorenbeirats „Die Gedanken sind frei“ mit ein. Fotos: just

Zum 25-jährigen Bestehen des Dieburger Seniorenbeirats kam mit Franz Müntefering ein besonderer Ehrengast. Und der hatte einige Tipps parat. VON MICHAEL JUST

Dieburg – „Er ist da!“ Kurz vor Beginn des Seniorennachmittags löste diese Nachricht bei dem Vorsitzenden des Seniorenbeirats Heinrich Boller Erleichterung aus. In der Römerhalle wurde mit Franz Müntefering (SPD) ein Ehrengast erwartet, wie er nicht alle Tage kommt. Der ehemalige Vize-Kanzler, Bundesminister und Abgeordnete im Bundestag ist mittlerweile „erster Senior“ im Land, sprich Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen. Den 79-Jährigen aus dem Sauerland holte erster Stadtrat Wolfgang Schupp vom Dieburger Bahnhof ab. Am Morgen hatte es in Frankfurt noch Störungen im Nahverkehr gegeben. Doch der hagere Mann mit Brille und zurückgekämmtem Haar war pünktlich. „Ich hatte ihn zuvor einfach mal angeschrieben und gefragt, ob er nach Dieburg kommen will“, sagte Boller. Die Antwort fiel positiv aus, nicht zuletzt wegen des 25-jährigen Bestehens des Dieburger Seniorenbeirat 2019. Bis auf die Anreise und Münteferings Wunsch, Kaffee und Kuchen zu bekommen, entstanden für den Auftritt keine Kosten.

Die ehemalige Polit-Größe rief am Rednerpult dazu auf, im Alter aktiv zu bleiben („Bewegung ernährt das Gehirn“) und den Ruhestand nicht in Einsamkeit zu verbringen. Gemeinschaft und möglichst viele Gespräche seien der bessere Weg. Jedoch sollte der Austausch nicht durch die neuen Medien, sondern persönlich erfolgen. Den Kommunen sprach er dazu eine herausragende Rolle zu: „Neben der Demokratie sind sie auch für die Solidarität wichtig. Die funktioniert nur bei Menschen, die sich kennen.“

Bezüglich der Personalknappheit in der Pflege und im Palliativbereich forderte Müntefering gerechte Löhne für eine Arbeit, die Können bedarf. Zudem schnitt der Gast die Problematik an, dass immer wenige Arbeitnehmer für das Ruhestandsgeld von immer mehr Rentnern aufkommen müssen. Hier sei ein Gegensteuern notwendig, vor allem weil die Bundeskasse schon jetzt fast 100 Milliarden Euro der Rentenkasse zuschießt. Mögliche Einnahmequellen sieht er in einer Finanztransaktionssteuer. In diesem Bereich wandere viel Geld ohne größeren sozialen Nutzen.

Bei jener Forderung blitzte kurz der Sozialdemokrat durch, während ansonsten seine Worte weitestgehend unpolitisch blieben. Insgesamt präsentierte sich Müntefering als ausgezeichneter Redner, dem sich gut zuhören ließ. Der Seniorenbeirat hatte ihm eine halbe Stunde Redezeit eingeräumt. Die überzog er um 15 Minuten. Damit waren nicht alle im Saal einverstanden, da sich damit die Zeit für Kaffee und Kuchen nach hinten verschob.

Die Begrüßung gleich zu Beginn nahm Bürgermeister Frank Haus in die Hand. Die vielen Fahrräder vor der Römerhalle sah er als Zeichen, dass sich die ältere Generation nicht minder für das Klima einsetzt wie die junge. Aus den Händen des Bürgermeisters erhielt Heinrich Boller eine Urkunde von der Landesseniorenvertretung Hessen aufgrund der mittlerweile 25 Jahre währenden Mitgliedschaft.

Wer am Seniorennachmittag teilnehmen möchte, muss mindestens 70 Jahre alt sein. Außerdem ist eine Voranmeldung nötig. Die wurde am Freitag reichlich eingeholt, wie die Maximalzahl von 420 eingedeckten Plätzen unterstrich. Für Heinrich Boller stellt die Finanzierung dieser Veranstaltung durch die Stadt keine Selbstverständlichkeit dar. „Wir wissen das zu schätzen“, sagte er zu den Ausgaben, die in anderen Kommunen bereits der Rotstift gestrichen hat.

Mit Blick auf das 25-jährige Bestehen des Seniorenbeirats erhielten Ehrenamtliche, die sich in der Vergangenheit engagierten, ein Blumengeschenk. Anwesend waren Helga Woodfin, Brigitte Kamutzki, Ulrike Kühn, Eva Rosenau, Inge Kontratowa, Waltraut Wyschka, Elfriede Breuer, Renate Haus und Hans Sattig.

Den Abschluss des Nachmittags gestaltete die Gesangsformation Pepperroses: Inmitten einer passenden Bühnendekoration trugen die acht Sängerinnen im Stil der 50er- und 60er-Jahre äußerst kurzweilig Klassiker aus einer Zeit vor, als die Zuhörer noch junge Hüpfer waren. Stücke wie „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami“, „Only Fools Fall in Love“ oder die leicht veränderte Fassung von „Haben Sie nicht ‘ne Braut für mich“ ließen Erinnerungen wach werden. Der Humor blieb ebenfalls nicht auf der Strecke: So priesen die Bühnenakteurinnen einen Schluck „Frauengold“ an und erinnerten an alte Weisheiten wie „Mädchen mach‘ dir Locken, dann bleibst du nicht alleine hocken“. Dazu gesellte sich der Ratschlag, einen möglichen Ehemann doppelt zu prüfen. Sonst könnte die Lehre „Jetzt suchste und später fluchste“ eintreffen.

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