Zwei Ex-Stasi-Gefangene berichten in der LGS

Vom Bruder bespitzelt, vom Stiefvater verraten

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Dieter Walter (l.) und Norbert Krebs, die in der DDR in Berlin-Hohenschönhausen einsaßen, im Dialog mit den LGS-Schülern.

Dieburg (jd) ‐ Verraten vom eigenen Stiefvater, bespitzelt vom eigenen Bruder: einen schlimmeren Vertrauensmissbrauch gibt es wohl nicht. Norbert Krebs hat in der DDR genau das erlebt: Sowohl Stiefvater als auch Bruder lieferten Informationen über ihn an die Staatssicherheit.

„Verzeihen geht da nicht“, antwortet Krebs im Beruflichen Gymnasium (BG) der Landrat-Gruber-Schule (LGS) auf eine Schüler-Frage.

Dennoch weiß er zu differenzieren: Sein Bruder habe der Stasi zugearbeitet, weil er zwei behinderte Kinder gehabt habe und in den Genuss gewisser Vorteile habe kommen wollen, um seine Kinder besser betreuen zu können. Bei seinem Stiefvater, zu dem er heute keinen Kontakt mehr habe, sei das anders gewesen.

„Wenn Sie in die Stasi-Akten gucken, schauen Sie in wahre Abgründe“, sagt auch Dieter Walter. Ihn hatte in der Deutschen Demokratischen Republik ein sehr guter Freund bespitzelt.

Geschichte wird erleb- und fühlbar, wenn die beiden Männer in der LGS vor den Schülern der Oberstufe erzählen. Anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls nahm das BG an gleich mehreren Projekten teil: so etwa an einer Wanderausstellung zum Thema Mauerfall und Wiedervereinigung in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und der Aktion „Spurensuche“.

Vor allem aber wurden Spuren gesucht – und gefunden – bei dem Dialog mit den beiden ehemaligen Stasi-Gefangenen Krebs und Walter, die beide in Hohenschönhausen einsaßen.

Die Fragen der sehr interessierten Schüler prasselten im Gespräch mit Krebs und Walter förmlich auf die Zeitzeugen ein. Ob die Leute dazu gedrängt worden seien, als Stasi-Informanten zu wirken, fragt da ein Schüler. „Viele haben sich freiwillig zum Bespitzeln gemeldet“, antwortet Walter darauf, mit klar erkennbarer „Berliner Schnauze“. Bis zu 100 000 Menschen seien in der DDR als „Freizeit-Spione“ (Walter) unterwegs gewesen.

„Und was dank denen in die Akten gewandert ist, war oftmals lächerlich“, fügt Walter hinzu. „Die haben aufgeschrieben, wie viel Bier ich an einem Abend getrunken habe.“ Sowohl Walter als auch Krebs könnten verstehen, wieso viele Menschen bis heute nicht in ihre Stasi-Akten geschaut hätten – die eine oder andere schwere menschliche Enttäuschung hätte das wohl zur Folge.

Einige Schüler verstehen im Zusammenhang mit Verrat und Auslieferung an die Staatssicherheit nicht, wieso fast alle Täter und Verräter ungeschoren davon kamen. Grund hierfür sei der Einigungsvertrag, erläutert Walter, der ein Rückbestrafungsverbot beinhalte.

Sprich: Wer in der DDR nach DDR-Recht handelte, verhielt und verhält sich bis heute legal. Von Moral sei häufig natürlich keine Spur gewesen, haben Krebs und Walter am eigenen Leib erlebt, beim Schlafentzug im Gefängnis etwa.

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