Brüder ohne Nachwuchs

In Dieburg geht gegen Ende des Jahres eine lange Tradition zu Ende - das Kloster der Kapuziner schließt seine Pforten.

Dieburg - In Dieburg geht eine mehr als 350 Jahre andauernde Geschichte zu Ende. Das Kapuzinerkloster schließt noch in diesem Jahr. Eine schmerzliche Entscheidung, wie Provinzial Christophorus Goedereis aus München im Gespräch mit unserer Mediengruppe in Dieburg betont. Von Veronika Széherová

Doch es gehe nicht anders. Nur noch vier Brüder leben in dem Haus am Minnefeld. Nachfolger sind keine in Sicht. Der Orden, dem in Deutschland derzeit 152 Brüder in 18 Niederlassungen angehören, leidet an Personalmangel. „Geistliche Berufe liegen heute nicht mehr im Trend“, bedauert Bruder Christophorus. Er erklärt die Entwicklung primär mit Demografie: „Es geht uns nicht anders als vielen Parteien, Vereinen und Ehrenämtern, auch ihnen fehlt es an Nachwuchs - es ist ein mathematisches Problem. “.

Was also tun? „Der einzige Ausweg ist der kontinuierliche Rückbau von Orten“, erläutert der Provinzialminister. Das Kloster St. Joseph in München soll in diesem Jahr ebenfalls schließen, weitere Standorte werden geprüft. Schließlich sei es, ganz weltlich, letztendlich auch eine Kostenfrage: „Wo können wir noch von unserer Hände Arbeit leben, wo stehen größere Sanierungen und Investitionen an?“, so der 47-Jährige. „Durch Krankheiten, Tod und Ordensaustritte sind wir noch mehr in die Bredouille gekommen.“ Nun gelte es, sich deutlich zu verkleinern, aber auch klare Prioritäten in Form von Schwerpunkt-Orten zu benennen und Neuaufbrüche zu wagen. „Zur Stärkung von anderen Klöstern ist es leider notwendig, sich von solchen Orten zu verabschieden, von denen sich eigentlich niemand trennen wollte.“

Genau das treffe auf Dieburg zu. „Es ist keineswegs so, dass uns der Ort nicht wichtig wäre“, beteuert der Kapuziner. „Hier ist die Volksverbundenheit besonders hoch, die Leute tragen die Brüder auf Händen“, fügt er lächelnd hinzu. Es sei, ganz im Sinne des Ordens, ein sehr offenes Haus gewesen. Verschiedene Vereine und Kurse treffen sich im Haus und im Klostergarten regelmäßig, es gibt Bibelgespräche und gemeinsame Meditationen. Auch Obdachlose würden oft an die Klosterpforte kommen in dem Wissen, nicht abgewiesen zu werden. „Im Kleinen wurde hier sehr viel realisiert“, lobt der Provinzial. Das Kloster habe früher als Ausbildungshaus für Postulanten fungiert, dann als Berufungspastoral. Doch beide Schwerpunktfunktionen seien mit der Zeit weggefallen. Und die vier verbliebenen Brüder einfach zu wenige. „Es müssten mindestens zwei mehr sein“, sagt Bruder Christophorus. Wie es mit ihnen weitergehe und an welchen Ort sie versetzt werden, ist derzeit Thema von Überlegungen und Gesprächen und der Hauptgrund für den Besuch des deutschen „Kapuzinerchefs“ in Dieburg. Die Entscheidung solle den persönliche Eignungen und Neigungen entsprechen.

Die Verbundenheit der vier Brüder sei gegeben, aber relativ. „Keiner ist schon ewig hier, alle wurden erst während meiner Amtszeit eingesetzt“, sagt Bruder Christophorus, der seit sieben Jahren sein Amt als Provinzialminister innehat. Drei der Brüder sind Mitte 50 bis 60 Jahre alt, einer ist Mitte 70. „Ortswechsel gehören zum Ordensleben dazu“, so der gebürtige Nordhorner. Doch er gesteht ein: „Natürlich geht die Auflösung nicht spurlos an einem vorbei. Gerade an einem Ort wie Dieburg, wo die Beziehung zu den Menschen so eng ist.“

Auch die Zukunft des Gebäudes ist noch ungewiss. Es laufen derzeit Gespräche mit dem Bistum Mainz, auf dessen Grundstück sich das Haus befindet. „Unser Orden unterliegt dem Armutsgebot, aber wir werden behandelt wie die Besitzer des Gebäudes“, erläutert der Provinzial. Daher finde sich im Normalfall eine einvernehmliche Lösung. Bruder Christophorus: „Unser Bestreben ist, dass aufgelöste Klöster geistliche Orte bleiben, kirchlich oder artähnlich genutzt werden, etwa als Heimatmuseum. Die entscheidende Rolle für die Zukunft des Klosters spielt jetzt das Bistum Mainz.“ Der Abschied des Ordens vom Standort erfolge wahrscheinlich im November oder Dezember dieses Jahres.

Grundsätzlich seien im deutschen Kapuzinerorden mehr Stellen zu besetzen als Brüder nachrücken. „In anderen Teilen der Welt, wie in Indien und Brasilien, platzen wir dagegen aus allen Nähten“, weiß der Provinzialminister, der erst kürzlich von einem Aufenthalt aus Chile zurückgekehrt ist. In früheren Zeiten habe sich der Nachwuchs „automatisch ergeben“ vor allem durch die Präsenz der Brüder an Schulen und Internaten. Heute gibt es einen Bruder in Würzburg, der sich ausschließlich dem Berufungspastoral widmet, bei Sommercamps und Jugendtagen oder auch Berufsmessen präsent ist. „Vor allem Bruder Paulus war in diesem Bereich sehr aktiv“, erinnert Bruder Christophorus an den berühmten früheren Leiter des Dieburger Klosters, Paulus Terwitte.

Das Leben als Mönch sei keineswegs das Beten im stillen Kämmerlein, abgeschottet von der Außenwelt. „Dieses Klischee-Bild ist von der Benediktinerabtei geprägt, wie sie im Film ‚Der Name der Rose? gezeigt wird“, klärt der Provinzial auf. Er lacht: „Gerade, wenn wir mit jungen Menschen sprechen, sind sie oft erstaunt, dass wir ganz normale Leute sind, mit denen man sich zu jedem Thema unterhalten kann und die das Internet benutzen.“ Die Kapuziner gehen als franziskanischer Bettelorden auf den heiligen Franz von Assisi zurück. Ihre Tradition sei eine ganz andere als in den Abteien: „Wir leben das Evangelium Jesu, versuchen unsere Tage ähnlich zu gestalten, wie Jesus es getan haben könnte.“ Dazu gehörten natürlich Phasen der Ruhe und Einkehr, aber vor allem die Hinwendung zum Volk, zu den Armen und Kranken.

Die Brüder sind in allen seelsorgerischen Bereichen der Kirche tätig, auch in Krankenhäusern, Gefängnissen und in der Jugendseelsorge. „Die Bahnhofsmission geht auf den Kapuzinerorden zurück“, weiß Bruder Christophorus. Manche Brüder gehen auch Aufgaben in Forschung und Lehre nach, etwa an der Hochschule in Münster. Andere sind tätig in den Medien, einige machten vor ihrem Ordensbeitritt eine Ausbildung in der Verwaltung oder waren Architekten, Wissenschaftler und Künstler - durchaus verwendbares Wissen auch für den Arbeitsalltag als Mönch. „Für unsere weltweite Nichtregierungsorganisation Franciscans International leisten wir Lobbyarbeit“, sagt der Provinzialminister. „Wir mischen uns in die Weltpolitik ein, gehen mit unserer Botschaft über Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung des Lebens zu den Großen und Mächtigen.“ Der Auftrag gehe weit über das Binnenkirchliche hinaus. „Die Themen der Menschheit sind auch die Themen des heiligen Franziskus.“

Schade, dass sie bald nicht mehr aus Dieburg in die Welt getragen werden.

‹ www.kapuziner.org

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