Brummilenker in Bodenlage

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 Lkw-Fahrer demonstrieren auf dem Dieburger Marktplatz, um auf schwierige Situation des deutschen Transportwesens aufmerksam zu machen.

Dieburg - Für eine bessere Zukunft deutscher Spediteure gingen am Samstag auf dem Marktplatz Brummifahrer in die Bodenlage. Auch der Hessische Rundfunk hielt das mit einem dreiköpfigen Kamerateam fest. Von Jens Dörr 

Mehr Online-Handel, mehr Versand, mehr Aufträge für Spediteure mit Lastkraftwagen: Eigentlich müssten es goldene Zeiten für die Unternehmen hierzulande sein, deren Geschäft es ist, Waren von A nach B zu bringen. In der Tat wächst der Transportsektor auch in der Bundesrepublik kontinuierlich, allerdings: Zahlen der Gruppe „Actie in Transport“ zufolge werden nur noch etwas mehr als 60 Prozent der Transportleistungen auf hiesigen Straßen von deutschen Firmen erbracht, Tendenz fallend. Konkurrenz insbesondere aus Osteuropa drängt auf den Markt – und sorgt in letzter Instanz für Tristesse bei den Brummifahrern. Ein Dutzend von ihnen machte am Samstagvormittag mit einer Demonstration auf dem Marktplatz auf die schwierige Situation aufmerksam.

Sieben der Lkw-Fahrer und eine Fahrerin sorgten dabei mit einem kreativen Einfall für Aufmerksamkeit: Sie legten sich bäuchlings nebeneinander auf Isomatten, auf dem T-Shirt-Rücken Reifenspuren. So legten sie optisch eine zusammenhängende Spur gegen die Mauer eines Hauses. Passend zum Motto: „Der deutsche Transportsektor – von der EU an die Wand gefahren.“ Zumindest mit einigen der Passanten kamen die übrigen Aktivisten, meist aus Dieburg, Rödermark, Darmstadt und Aschaffenburg, währenddessen und im Anschluss ins Gespräch.

Polizisten erleben entspannte Zeit

„Die EU tut viel liberalisieren, aber wenig harmonisieren“, fasste Ralf Schoob, der die Aktion koordinierte und ebenfalls im „Actie“-Shirt das Leid der Fahrzeugführer klagte, die Ärgernisse zusammen. „Actie in Transport“ ist bisher noch eine lose Gruppe, soll in Kürze aber zum eingetragenen Verein werden. Am vorvergangenen Samstag organisierte „Actie“ die ersten Demonstrationen, am Samstag neben der in Dieburg weitere etwa in Aachen, Neumünster und Berlin. In Südhessen war Dieburg, wo auch der Hessische Rundfunk mit einem dreiköpfigen Kamerateam vorbeischaute, die einzige. Sie verlief unaufgeregt, aber nicht minder engagiert. Zwei Polizeibeamte, die bei der angemeldeten Demonstration nach dem Rechten schauten, verlebten eine entspannte Zeit.

Größte Bedenken, dass der Marktanteil der deutschen Unternehmen weiter sinken werde und damit auch die Arbeitsbedingungen der Fahrer schlechter würden, haben „Actie“ zufolge ihren Ursprung vor allem in der sogenannten „Kabotageregelung“: Sie lasse es zu, dass Anbieter aus EU-Mitgliedsstaaten in anderen Binnenmärkten Waren und Produkte transportieren dürften, dabei aber ganz andere, ihren Herkunftsländern entsprechenden Kosten zu Grunde legen könnten. Das wird hierzulande meist von in Osteuropa ansässigen Unternehmen praktiziert. Zunehmend kämen nun auch noch die bulgarische und rumänische Konkurrenz hinzu.

Die Lohn- und Sozialkosten machten im Vergleich zu Westeuropa nur einen Bruchteil aus. „Treibstoff führen die teils mit einem extra großen Lkw-Tank mit, so dass sie nicht mal das hier durch Steuern verteuerte Diesel tanken müssen“, gab Schoob zu bedenken. Zwar unterlägen die „Kabotagefahrten“ Beschränkungen, jedoch würden diese kaum eingehalten und seien mit einfachsten Mitteln zu umgehen. Das alles führe dazu, dass einheimische Spediteure bei diesem ungleichen Preiskampf nicht mehr mithalten könnten. Bei Diesel, Maut und weiteren Betriebskosten gebe es hierzulande schon nichts mehr einzusparen. Somit seien die Unternehmer schon fast gezwungen, am Personal zu sparen. Das bedeute in vielen Fällen Vergütungen nahe an der Niedriglohngrenze – oder es würden bei deutschen Unternehmen ausländische Kollegen für weitaus niedrigere Löhne und zu teils menschenunwürdigen Bedingungen eingestellt.

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