Ruth Wagner, Staatsministerin a.D., stellte zusammen mit Autor Eckhart G. Franz Bildband über Begräbnisstätte vor

Buch der steinernen Zeugen jüdischen Lebens

Erster Stadtrat Wolfgang Schupp (links) , Ruth Wagner, Staatsministerin a.D. und Autor Eckhart G. Franz stellten den Bildband vor.

Dieburg - (ula)   „Die Zeugen des jüdischen Lebens vor dem Holocaust sind steinern“, sagte Ruth Wagner, Staatsministerin a.D. im Schloss Fechenbach. Diese vermeintlich schweigenden Zeugen lassen die Autoren Eckhart G.

Franz und Christa Wiesner in ihrem nun erschienen Bildband „Der jüdische Friedhof in Dieburg“ auf besondere Weise „sprechen“. In stimmungsvollen Bildern, einer Chronologie zur Begräbnisstätte, aber auch einem systematischem Verzeichnis mit Namen und Sterbedaten, vergegenwärtigen die Autoren ein Stück regionaler Geschichte des ländlichen Judentums.

Vor großem Publikum wurde das just erschienene Buch in einer Feierstunde vorgestellt. Die aufwändige Dokumentation über den um 1550 gegründeten Friedhof rundet so die Ausstellung über jüdisches Leben in Dieburg im Museum thematisch ab, die noch bis 6. Januar zu sehen ist. Nach jahrelanger akribischer Forschungsarbeit konnte die Publikation von der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen herausgegeben werden.

„Das Buch ist ein Meilenstein in der Dieburger Geschichtsforschung“, lobte Erster Stadtrat Wolfgang Schupp das rund 160 Seiten starke, mit vielen Fotos bebilderte Werk. Und der regionale Bezug geht weit über Dieburgs Grenzen hinaus.

„Es gab die Besonderheit von Sammelfriedhöfen, die weit über die komplizierten herrschaftlichen Grenzen hinaus galten“, erläuterte Buchautor Professor Dr. Eckhart G. Franz, Historiker, Archivar und bis 1996 Leiter des Hessischen Staatsarchivs in Darmstadt.

Im Dieburger Judicialbuch konnte er das Geheimnis der Anfänge dieser Begräbnisstätte lüften, die der jüdischen Bevölkerung aus bis zu 26 Gemeinden zur letzten Ruhe diente: „Es ist den zwaien Juden, nemlichen Aron und Anschiln, ein flecken und platze zu ihrem begrebnus vergundt und zugestelt beim Elenden Creutz…“, heißt es in der Amtsschrift. Der Sorgfalt der damaligen Beamten ist zu verdanken, dass ab dem Jahr 1603 die Daten der Verblichenen erfasst wurden. Grund: Für jede Beisetzung verlangte die Stadt Begräbnisgeld.

Bis heute sind rund 1000 Grabsteine von 1715 bis 1940 erhalten. „Hier ruht Frau Gitchen, Ehefrau des ehrwürdigen Nachman Sofer (= Schreiber) aus Raibach. Sie wandelte ihr leben lang auf gradem Pfade und übte Nächstenliebe“, heißt es etwa auf einem Stein von 1797 in hebräischer Sprache.

In dem Band „Der jüdische Friedhof in Dieburg“ gelang es, die Inschriften von 980 Grabsteinen in einem Verzeichnis mit Namen und Herkunftsorten der Verstorbenen zusammen zu tragen. Ein lexikalischer Abriss beleuchtet außerdem kurz die Historie von 26 Orten, deren jüdische Bevölkerung in Dieburg zu Grabe getragen wurde.

Bis 1933 habe es 492 jüdische Gemeinden und rund 300 Synagogen in Hessen gegeben, so Ruth Wagner, die seit vier Jahren Vorsitzende der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen ist. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit umfasse die Dokumentation jüdischer Friedhöfe in Hessen, von denen Dieburg ein wichtiger sei. Die Namen von 17000 Grabsteinen sind inzwischen in einem Internetportal unter http://lagis-hessen.de/juf.htlm zusammengetragen.

P Der Bildband über den jüdischen Friedhof in Dieburg inklusive CD ist in den lokalen Buchhandlungen zum Preis von 32 Euro erhältlich.

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