Bühne frei fürs Protokoll

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Bühne frei fürs Protokoll – beim KVD seit zwölf Jahren vorgetragen von Friedel Enders.

Dieburg ‐ Das Protokoll ist Chef-Sache – beim Karnevalverein Dieburg (KVD) zumindest. Wobei Friedel Enders noch längst nicht der Präsident von Deutschlands größtem Karnevalverein war, als er das Amt des Protokollers übernahm: vor zwölf Jahren, als noch Wolfgang Dörr der ranghöchste Fastnachter war.  Von Jens Dörr

Seit mehr als einem Jahrzehnt ist Enders der erste Wortvortrag der Sitzungsabende vorbehalten. Mit Beobachtungsgabe und scharfer Zunge karikiert er Weltgeschehen und Dieburger Treiben. „Darauf lege ich großen Wert“, sagt Enders daran anknüpfend: „Ich will im Protokoll immer Dieburger Themen drin haben.“ Deren Anteil schwanke, je nachdem, was und wie viel er für berichtenswert erachte. „In diesem Jahr ist der Anteil recht groß“, meint Enders. Demnach muss in Dieburg seit Aschermittwoch vergangenen Jahres einiges passiert sein.

Unter anderem den Festplatz und dessen staubiges und grasloses Daherkommen am Schlossgartenfest thematisiert der Technische Angestellte in seinem diesmaligen Rückblick. „Hinter den Sachen, die ich vortrage, stehe ich auch – deshalb habe ich auch keinen Ghostwriter“, betont Enders.

Früheren Protokollern wurde gedroht

So sagt er unter anderem auch: Die Stadtparlamentarier könnten sich bei so mancher Kontroverse eine Scheibe von der Zusammenarbeit der Dieburger Vereine beim Schlossgartenfest 2010 abschneiden. Was Enders indes nicht ganz so diplomatisch formuliert. Trotz Klartextes: Beleidigt hat sich durch seine Beobachtungen, die er in allen Sitzungen zusammen immerhin mehr als 3000 Leuten mitteilt, bislang noch niemand gefühlt. Zumindest habe er davon nichts erfahren.

Bei früheren Protokollern, denen sogar mal mit dem Rechtsanwalt gedroht worden sei, sei das nicht durchweg so gewesen. Meist pickt sich Friedel Enders Themen für sein Protokoll heraus, die ab Sommer des Vorjahres aktuell waren: „Nehme ich welche, die ein ganzes Jahr zurückliegen, erinnert sich kaum noch jemand dran.“

Immer Augen und Ohren offen halten

Ein Beispiel sei die Aschewolke über Europa im Frühjahr 2010 gewesen – die handelte Enders in seinem Protokoll kurz und knapp in einem Satz ab. Wie sein Vortrag entsteht? „Ich halte das Jahr über Augen und Ohren offen, mache mir Stichpunkte und hebe den ein oder anderen Zeitungsausschnitt auf“, erzählt der KVD-Vorsitzende.

Bis zur Klausurtagung des KVD im November, bei der im Habichtsthal (Spessart) intensiv über die Nummern der Sitzungen diskutiert wird, seien 80 bis 90 Prozent seines Vortrags fertig. Für den nehme er gerne auch mal den einen oder anderen Hinweis aus dem Narrenvolk auf.

„Das Schreiben geht leicht von der Hand“

„Das Schreiben des Protokolls geht mir recht leicht von der Hand“, sagt Enders, der stets wiederkehrende Verse am Ende eines Themas verwendet. „Die machen klar, dass der Punkt nun abgehandelt ist.“

In diesem Jahr wiederholt er des Öfteren – natürlich auf vorherige Verse gereimt und eingefärbt  in Dieburger Mundart: „Jetzt wisst ihr’s – jetzt wisst ihr Bescheid!“

Zuvor als Sträfling in der Bütt

Ein Bühnen-Nobody war Enders unterdessen nicht, als er das Protokoller-Amt vor zwölf Jahren von Alfons Angermeier übernahm: Zuvor hatte er bereits als Sträfling, Metzger und vieles mehr in der Bütt gestanden.

Hans Hampl hatte ihn damals als Protokoller ins Gespräch gebracht. Diesen närrischen Job könnte Enders, der zwar in Ueberau wohnt, „innerlich aber in Dieburg“, noch eine ganze Weile versehen: So lange die Leute noch Freude an seinen Rückblicken hätten, mache er weiter, versichert Enders.

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