1000 Jungs in Wohntürmen

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Bruno Fuchs alias Sepp.

Dieburg - In luftiger Höhe wohnten die Studenten zu Zeiten der alten „IngAk“. Jetzt werden die bis zu 60 Meter hohen Wohntürme abgerissen. Damit verschwindet für viele Absolventen der Fachhochschule der Bundespost ein Stück ihrer Jugend. Von Lisa Hager

Der DA hat mit dreien von ihnen – alle sind im Raum Dieburg „hängen geblieben“ – über alte Zeiten gesprochen.

„In München hätte ich mir von meinem BAföG kein Zimmer leisten können. Da hat mir ein Kumpel in meinem Heimatort bei Altötting von Dieburg erzählt - ich hatte keinen Schimmer, wo das ist.“ Und so kam es, dass sich der Oberbayer Josef Fuchs, der seit „IngAk“-Zeiten Bruno genannt wird - aber dazu später - ins ferne Hessen aufmachte. Übrigens zusammen mit einer ganzen Abordnung von Bayern, von denen später die an der Postfachhochschule lehrenden Mathematikdozenten oft schwärmten. „In Naturwissenschaften hatten wir Bayern und Schwaben einen klaren Vorsprung“, so der heute 55-jährige Fuchs.

Dieburgerin geheiratet

106 Mark Monatsmiete kostete damals das Zehn-Quadratmeter-Zimmer in einem der Wohntürme - Bettwäschewechsel inklusive. In München hätte Fuchs um 350 Mark bezahlt. „Und der Wahnsinn war, dass das auch noch regelmäßig geputzt wurde“, sagt Walter Günsche (54), der 1977 aus Wertheim zum Studium der Nachrichtentechnik nach Dieburg kam. Zusammen mit vier anderen aus seinem Heimatort zog er im 7. Stock im Haus 8 ein.

Günsche war nach dem Studium lange Jahre bei der Firma Carl Schenck in Darmstadt beschäftigt, jetzt ist er Sicherheitsingenieur bei Bosch in Erbach. Er ist „hängen geblieben“ wie so viele ehemalige Studenten. Er ist mit einer Dieburgerin verheiratet, hat zwei Kinder.

Willi Stöckmann, der „Friese“.

Der „Friese“, der eigentlich ein Ostfriese ist, worauf er großen Wert legt, heißt Willi Stöckmann und hatte in seiner Heimat Funkelektroniker gelernt. 1981 kam er zum Studium ins weit entfernte Dieburg. Heute ist der 54-jährige immer noch bei der Telekom in Darmstadt. Seine Frau - eine Altheimerin - hat er schon zu „IngAk“-Zeiten kennengelernt. Die beiden haben zwei Söhne.

„Ich wollte in die Ferne gucken können“

„Ich wollte in die Ferne gucken können“, sagt er rückblickend. Das war er von den ostfriesischen Weiten ja so gewohnt, also zog er ganz nach oben in den 17. Stock. „Das war eine echt bayerisch verseuchte Etage“, scherzt er. Viele seiner Mitstudenten von damals sind heute noch seine Freunde - wie Fuchs und Günsche.

Alle Drei kommen ins Schwärmen, wenn man sie nach den alten Zeiten fragt. Den armen Hausmeistern der Wohntürme haben sie - und die rund 1000 anderen Studenten - so manche schlaflose Nacht beschert.

Einer kam einmal atemlos aufs Dach, wo die Studenten vom 17. Stock einen Weitflugwettbewerb mit Klopapierrollen veranstalteten. „Die Feuerwehr war auch oft da“, erinnert sich Fuchs. Es habe aber nie ernsthaft gebrannt. Herde mit Backöfen waren auf den Stockwerken verboten, aber die Studenten, die sich naturgemäß mit Elektrotechnik gut auskannten, hatten da so ihre Tricks. „Wir hatten einen Ofen auf einem fahrbaren Gestell“, erinnert sich Stöckmann. Der wurde einfach weggeschoben, wenn kontrolliert wurde.

Einen oder anderen Scherz auf Lager

Die Jungs hatten natürlich auch den einen oder anderen Scherz auf Lager: Da wurden die Drähte der Aufzugselektronik vertauscht, so dass die Kabinen kreuz und quer durch die Gegend fuhren - nur nicht dahin, wo sie sollten. „Das war halt Jugend forscht“, sagt Günsche lachend. Die Drei erinnern sich an die Beate-Uhse-Puppe, die Amateurfunker einmal an einem Antennendraht zwischen Haus 7 und 8 schweben ließen und den Fiat 500, der es eines Tages im Lastenaufzug bis aufs Dach von Haus 7 schaffte.

Walter „Waldi“ Günsche.

Die „IngAk“ war auch eine gesellschaftliche Größe in Dieburg - vor allem für die junge Generation. Und bei 1000 in Wohntürmen gestapelten jungen Männern hatte der heutige Campus natürlich eine enorme Anziehungskraft auf die heimische Damenwelt. Da waren die Disco „Druckwelle“ im Haus 10, der Studentenkeller „Bazille“ (spätere „Alte Eule“) im Keller des heutigen Museums gern genutzte „Kontaktstellen“. Nicht zu vergessen das legendäre jährliche Waldfest, bei dem Bier und Sekt in Strömen flossen, so manche Bierbank zu Kleinholz wurde.

Ein strammes verschultes Vorlesungsprogramm

Trotz aller Scherze und Jugendstreiche hatten die Studenten ein strammes verschultes Vorlesungsprogramm zu absolvieren. „Ich habe mitgezählt, es waren insgesamt 72 Prüfungen bis zum Schluss“, weiß Fuchs noch genau. Absolventen der damals größten Fachhochschule für Nachrichtentechnik in Europa wurden gerne genommen. Die meisten gingen direkt zur Post, später Telekom, aber beispielsweise auch zu Siemens nach München.

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Apropos Bayern: Wie kam Josef Fuchs denn jetzt zu seinem neuen Namen „Bruno“, der sogar später im Fernmeldetechnologiezentrum in Darmstadt - er hat das Mobilfunknetz für ganz Bayern geplant - auf seinem Büro-Türschild stand? Der Studienanfänger hatte eines Abends schlimmes Heimweh, packte sich den Whiskey, den er bei einer Tombola gewonnen hatte, setzte sich im überfüllten Gruppenraum, in dem alle Fußball guckten, unter den Tisch und leerte die Flasche. „Bruno geht jetzt ins Bett, Bruno ist besoffen“, soll er den anderen noch erklärt haben. Da war’s um Josef geschehen.

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