Derzeit weniger Vermittlungen

Corona-Krise fordert Tierheime heraus

Bild mit Symbolcharakter: Die Tierheime in der Region – hier Pfleger Marcus Neff mit Hunden in der Babenhäuser Einrichtung – sind gesperrt. Foto: nahe

Die Menschen leiden unter dem Corona-Virus. Das normale Leben ist zum Erliegen gekommen. Schulen, Gaststätten und öffentliche Einrichtungen haben geschlossen. Bei vielen machen sich neben Angst um die eigene Gesundheit auch Frust und Langeweile breit.

Dieburg – Woran viele dabei nicht denken: Nicht nur Menschen sind von den veränderten Verhältnissen betroffen, auch Tiere haben Probleme. Ob die Tierheime im Kreis oder das Vivarium in Darmstadt, überall ist Geldknappheit das vorherrschende Thema. Denn bei bleibenden laufenden Kosten – Tiere müssen nun mal fressen und Pflege bekommen –, fallen seit Schließung der Einrichtungen die Einnahmen weg.

„Wir brauchen dringend Spenden“, sagt Beate Balzer, die das Babenhäuser Tierheim leitet. In den vergangenen zwei Wochen konnten nur zwei Tiere vermittelt werden. Zum Vergleich: Sonst, bei offenem Haus, sind es allein drei oder vier Tiere an einem Wochenende. Zudem sei staatliche Unterstützung für die die Tierheime tragenden Tierschutzvereine notwendig – ähnlich der für durch die Krise gebeutelte Betriebe. Der Deutsche Tierschutzbund, Dachorganisation der Tierschutzvereine und Tierheime, sei dran, damit sich da etwas bewege.

Der Verband der Zoologischen Gärten tut ebenfalls etwas. Verbandspräsident Jörg Junhold hat sich mit der Bitte um ein Soforthilfe-Programm in Höhe von 100 Millionen Euro an Bundeskanzlerin Merkel gewandt. Ein positiver Bescheid käme auch dem Vivarium zugute, in dem auf fünf Hektar Fläche 2 000 exotische und einheimische Tiere in 190 Arten leben und das monatliche Ausgaben von rund 194 000 Euro hat. Etwa 112 000 Euro bezuschusst die Stadt Darmstadt. Der Rest sind Einnahmen durch Besucher, die nun fehlen. Für einige bedrohte Arten beteiligt sich der Zoo an internationalen Erhaltungszuchtprogrammen. Auch das muss bezahlt werden. Aufgrund der aktuellen Lage hat sich der Austausch von Vikunja-Hengsten verschoben, und die Schopfmakaken-Gruppe wartet weiter auf weiblichen Zuwachs. Spenden oder Patenschaften für Tiere wären äußerst wünschenswert, heißt es in Darmstadts Tiergarten.

Dass eigentlich nur Geld und Sachspenden helfen, so eine Lage ist bislang noch nie dagewesen. Das bestätigt auch Balzer. „Wir bekommen viele Angebote von Mitgliedern, die uns mit ihrer Arbeit im Tierheim unterstützen wollen. Leider ist das nicht möglich.“ Selbst dann nicht, wenn die Leute gesund zu sein scheinen. Denn würde der Verdacht auf Covid-19 aufkommen, müssten auch die Erste Vorsitzende und ihre festen Mitarbeiter in Quarantäne. Katastrophal für die Tiere. Alle ehrenamtlichen Helfer und Gassigeher wurden somit erstmal auf unbestimmte Zeit freigestellt. Zurückgeblieben sind neben Balzer der Pfleger Marcus Neff, der Auszubildende Tejaye Hujo und zwei Bufdis vom Bundesfreiwilligendienst. Zu fünft stemmen sie die tägliche Arbeit und häufen kräftig Überstunden an. 15 Stunden pro Woche bestimmt, sagt Balzer. Manch ängstliches Tier brauche mehr Aufmerksamkeit, da waren vor Corona-Zeiten die freiwilligen Helfer zur Stelle. Sieben Hunde, die nicht in der Lage sind, im Rudel frei auf dem Tierheimgelände rumzulaufen, werden nun schnell in der Mittagspause ausgeführt. Und das Gewöhnen einiger Wildfänge an die Leine falle halt einfach mal flach.

Balzers Kollegen aus dem Pfungstädter Tierheim bitten in der Not um Dosenfutter für Hunde und Katzen, aber auch um Küchenrollen, Müllbeutel und Einmalhandschuhe für ihre Arbeit. Sie arbeiten in einem Dreischichtensystem. Sollte eine der Schichten Corona-bedingt ausfallen, bleiben noch die zwei anderen. Im Gegensatz zu Babenhausen sind auch Ehrenamtliche eingebunden, ist ihrem Internetauftritt zu entnehmen. Was alle Tierheime eint, ist die Tatsache, dass Tiere nur in fest ausgemachten Einzelfällen besucht und ins neue Heim abgegeben werden können: Vorabauswahl des Tieres per Webseite, Terminabsprache, Treffen. Eine andere Möglichkeit der Unterstützung sind – ähnlich wie beim Darmstädter Vivarium – Patenschaften für nicht mehr vermittelbare alte und kranke Tiere.

Glücklicherweise werden zumindest nicht vermehrt Tiere ausgesetzt oder bei uns abgegeben, gibt Barbara Mosch-Schlösser, Leiterin des Münsterer Kreistierheims, bekannt. Dieses Gerücht geistert seit längerem durch die soziale Medienwelt. Angeblich würden immer mehr Menschen ihre Schützlinge aus Angst vor einer Ansteckung von Tier zu Mensch loswerden wollen. „Es gibt keine konkreten Hinweise dafür, dass Tiere das Virus übertragen oder selbst erkranken“, heißt es beim Deutschen Tierschutzbund. Und Balzer weiß, dass auch die Angst vorm Gassigehen kein Grund zur Abgabe des tierischen Begleiters ist: „Hier auf dem Land haben die, die nicht mehr raus wollen, meist einen eigenen Garten.“

VON KATRIN NAHE

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