Corona-Pandemie

Einzelhandel in Darmstadt-Dieburg durch Corona-Lockdown in Bedrängnis

Simone Enders von Getting Dressed mit Überraschungstüten für ihre Kundinnen.
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Simone Enders von Getting Dressed mit Überraschungstüten für ihre Kundinnen.

Im Landkreis Darmstadt-Dieburg leidet der Einzelhand unter dem Corona-Lockdown. Zwei Inhaberinnen berichten.

Darmstadt-Dieburg – Die Bund-Länder-Gespräche am Mittwoch brachten jenem Teil des Einzelhandels, der schon seit Mitte Dezember 2020 schließen muss, aufs Neue schlechte Nachrichten: Bis mindestens zum 7. März ändert sich an ihrer Lage nichts und danach wohl auch nur, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz flächendeckend und konstant unter 35 liegt.

Selbst einst verständnisvolle Unternehmer, die die staatlichen Anordnungen umgesetzt und hohe finanzielle Einbußen ertragen haben, klagen immer lauter. Zwei Beispiele aus Dieburgs Flaniermeile Zuckerstraße zeigen, weshalb viele Betroffene den Status quo nur noch unlogisch und ungerecht finden. „Die Geduld ist definitiv zu Ende“, sagt Theresa Ostner und holt unter ihrer Maske erst mal tief Luft.

Corona-Lockdown bringt Händler in Darmstadt an ihre Grenzen

Die Juniorchefin des Kaufhaus Enders, seit nunmehr 108 Jahren eine Dieburger Institution für Haushaltswaren, Dekoration, Spielzeug und Saisonartikel (wie jetzt normalerweise Fastnachtskostüme), kann die Verordnungslage nicht mehr nachvollziehen: „Es ist für mich nicht mehr verständlich und nur noch eine große Ungerechtigkeit.“

Womit sie nicht meint, dass sie kein Verständnis dafür habe, dass auch der Handel seinen Beitrag zu Kontaktreduzierung und Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus leisten müsse. Was Ostner aber ärgert, ist die Tatsache, dass einige „gleicher“ sind als andere: „In jeder Drogerie, in jedem Lebensmittelgeschäft kann man inzwischen unser Sortiment kaufen“, sagt sie. „Gartenmärkte haben geöffnet und verkaufen Deko-Artikel“, zählt sie auf. „Manche Drogerie hat mittlerweile mehr als 50 Prozent Nicht-Drogerie-Artikel im Sortiment. Und neuerdings legen sogar Tankstellen Spielsachen in die Regale. Läuft ganz gut, hört man“, ergänzt sie mit einem Anflug von Sarkasmus.

Ostner stellt dabei nicht infrage, dass die Menschen auch im Lockdown Lebensmittel und Drogerieartikel kaufen müssen. Doch daneben machen diese Märkte – und der Online-Handel sowieso – längst das Geschäft, von dem sich sonst auch der stationäre Handel seinen Teil sichern könne.

Nur wenige Märkte dürfen während Corona-Pandemie in Darmstadt öffnen

Diese Chance hat das Kaufhaus Enders momentan kaum: „Im Kaufland oder Müller stehen die Leute Schlange und halten sich oft an keine Abstandsregeln“, schildert die Geschäftsfrau ihre Beobachtungen. „Und wir dürfen gleichzeitig nicht mal einen einzigen Kunden bei uns reinlassen.“

Das sei buchstäblich zu verstehen: Denn während beispielsweise Banker, Makler und Handwerker noch individuelle Kundentermine vereinbaren und sich auch Zeitungsreporter mit Interviewpartnern treffen dürfen, ist es Ostner nicht einmal erlaubt, mit Kunden eine Einzelberatung zu vereinbaren, etwa um ein Kochtopf-Set vorzuführen. „Das wollen die Leute vor dem Kauf aber live sehen und anfassen“, erzählt sie. Das Geschäft machten dann die geöffneten Märkte, im Lebensmittel-Handel meist ohnehin Oligopolisten. Oder online Amazon und Co., oft mit der Folge ökologisch schädlicher Retouren.

Einzelhändler in Darmstadt kritisieren Corona-Verbote

Die Verbote für den Einzelhandel, der hinsichtlich Infektionen ohnehin nie arg auffällig war, treiben auch in der Dieburger Fußgängerzone kuriose Blüten: Vom Ordnungsamt (das freilich nach den Vorgaben höherer Stellen kontrollieren muss) erhielt das Kaufhaus Enders einen Rüffel, als es einem Kind einen Schulranzen zum Anprobieren vors Geschäft brachte – an die frische Luft, unter Maskierung aller Beteiligten. Nicht im Sinne der Verordnungen sei ein solcher Service, hieß es, „und das, während in großen Märkten pro halbe Stunde so viele Menschen auf einmal einkaufen wie bei uns am ganzen Tag“.

Die Kunden des Kaufhauses Enders können sich seit acht Wochen nur noch vorbestellte Ware schicken oder vor den Eingang bringen lassen. Wirtschaftlich trotz hohen Zeit- und Personalaufwands ein Tropfen auf den heißen Stein, wie Theresa Ostner sagt: „Damit machen wir höchstens 20 bis 25 Prozent des sonstigen Umsatzes.“

Vom Staat unterstützt worden sei man nennenswert nur durchs Kurzarbeiter-Geld für die Angestellten. Eine Umsatzentschädigung wie die Gastwirte für November und Dezember bekommen die Händler nicht, und die Überbrückungshilfen für die Betriebskosten entpuppten sich bei näherem Hinsehen oft als Enttäuschung.

Starke Einbußen durch Corona-Lockdown für Einzelhandel in Darmstadt

Ähnlich sieht es einige Meter weiter in der Zuckerstraße auch im Damenmoden-Geschäft Getting Dressed aus. Inhaberin Simone Enders, die noch einen zweiten Laden in Ober-Roden betreibt, verzeichnete schon vor dem zweiten Lockdown „November-Einbußen von 50 Prozent, weil die Politik den Leuten gesagt hat, sie sollen zu Hause bleiben“. Im Dezember fiel ausgerechnet die frequenzstarke Woche vor Weihnachten weg, und bis zum Hoffnungsdatum Mitte März wird Enders ihr Geschäft schon drei Monate geschlossen haben.

Aktuell sei höchstens ein Fünftel des normalen Umsatzes durch Versand und Aktionen zu erzielen, sagt die Geschäftsfrau. Die Aktionen liefen übrigens oft ohne Gewinnspanne: Derzeit bestellen viele Kundinnen bei ihr Überraschungspakete mit Winterkleidung im Wert von 100 Euro – verkauft für nur 30. Sie tue dies nicht nur, um kreativ Kundinnen zu binden und zu gewinnen, sondern auch, um sich Liquidität fürs Vorfinanzieren der nächsten Kollektionen zu beschaffen. Denn die nächsten großen Ausgaben stehen an: Gerade sei sie dabei, für die Herbstsaison 2021 zu ordern, berichtet die Modehändlerin.

Sie habe zwar geahnt, dass der Lockdown für Geschäfte wie ihres über Mitte Februar hinaus verlängert werde, sagt Simone Enders. „Ich kann es aber nicht mehr nachvollziehen. Wenn hier zwei Leute im Geschäft wären, auf 160 Quadratmetern – was wäre dabei? Die Leute haben die Regeln ja befolgt.“ Ihr Zeugnis für die politischen Entscheider fällt daher inzwischen auch verheerend aus: „Die fahren die Wirtschaft an die Wand!“ (Jens Dörr)

Nicht nur der Einzelhandel kämpft in der Corona-Pandemie ums Überleben. Auch Reisebüros und Gaststätten sind in großen Existenznöten.

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