Führung zu „Stationen jüdischen Lebens in Dieburg“

Am Dalles wurde ein Schwätzchen gehalten

Groß war das Interesse an der Führung mit Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith.

Dieburg - 600 Jahre lang, bis zur Vertreibung und Ermordung durch die Nationalsozialisten, prägten jüdische Bürger das Leben in Dieburg mit. Wie sehr, das veranschaulicht derzeit nicht nur die Sonderausstellung „Jüdisches Leben in Dieburg“ im Museum Schloss Fechenbach. Von Laura Hombach

Die Ausstellungsmacherin und Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith nahm am Sonntag, dem „Tag des offenen Denkmals“, interessierte Bürger mit zu Stationen jüdischen Lebens in Dieburg. Und das Interesse war groß: Rund 100 Teilnehmer gingen mit Rohde-Reith auf Zeitreise. Ein Umstand, der vielleicht nicht allein dem interessanten Thema geschuldet war. War die Führung doch zugleich auch eine der letzten Gelegenheiten, die kompetente Stadtarchivarin zu erleben. Rohde-Reith wird ab dem 1. November nur noch für vier Stunden pro Woche das städtische Archiv betreuen. Wer Führungen mit ihr erleben will, muss dann bis Eppstein fahren, wo Rohde-Reith das Archiv und die Museumsleitung übernimmt. Ein Weggang, den die Stadt Dieburg sehr bedauere, wie Erster Stadtrat Wolfgang Schupp in seinen Begrüßungsworten am Sonntag betonte.

Doch an diesem Tag gehörte Rohde-Reith noch einmal ganz allein den Geschichtsinteressierten. Vom derzeit im Umbau befindlichen Möbelhaus Engelhard, in dem einst Kaufmann Loeb Möbel verkaufte, ging es weiter zum Standort der ehemaligen Synagoge, dort wo heute eine Sparkassen-Filiale am Marktplatz steht.

Gegenüber der Synagoge, am Markt 11, konnte man damals Schuhe im Kaufhaus Wiesenfelder erstehen.

Und schon wenige Schritte weiter zeigte Rohde-Reith das Wohnhaus der Familie Lorch, in dessen Hinterhaus sich eine Schlachterei, ein Stall und ein Betraum befanden, der so lange genutzt wurde, bis die erste Synagoge 1869 gebaut wurde. In der Zuckerstraße 6 war das „Gasthaus zum goldenen Engel“, noch ein Stück weiter die Zuckerstraße hinauf das Gasthaus „Zur Traube“ zu finden.

Der Fastnachtsbrunnen prägt den Dieburger Dalles. Doch das Wort „Dalles“ ist ein jüdischer Ausdruck, erläuterte Rohde-Reith. In einem sukzessiven Prozess erhielten die jüdischen Bewohner Dieburgs zwischen 1803 und 1870 die vollen Bürgerrechte. Viele jüdische Bürger zogen daraufhin von der Judengasse in die Nähe des Dalles, der als Treffpunkt für ein Schwätzchen mit den Nachbarn genutzt wurde.

Auch in der Steinstraße machte Rohde-Reith an etlichen Häusern halt, um vom Leben und den Geschäften der damaligen jüdischen Bürger zu berichten. Die Führung endete schließlich auf dem von den Nationalsozialisten ursprünglich aus Grabsteinen vom jüdischen Friedhof errichteten Treppenaufgang zum Schloss Fechenbach. Nach Ende der Naziherrschaft wurden die Grabsteine wieder an ihren Ursprungsort zurückgebracht.

Eine Stunde hatte der Gang vom Rathaus über den Marktplatz, durch Zucker- und Steinstraße zum Schloss Fechenbach gedauert.

Amüsantes wie die Geschäftseröffnungsanzeige von Isaak Morgenstern, der in der Steinstraße 4 ein Warenhaus eröffnete und mit „billigeren Preise wie in jeder Großstadt“ und „keinem Kaufzwang“ warb, hatte Rohde-Reith zu erzählen. Anschauliches wie die Arbeitsteilung in der Familie Heil, die in der Steinstraße eine Manufaktur betrieb. Und Unfassbares wie diese Erzählung von Augenzeugen: In der Pogromnacht hatte einer der Männer, die das Haus der Familie Wiesenfelder gestürmt hatten, den Enkel Helmut aus dem Fenster gehalten und gedroht, ihn fallen zu lassen. Und sie erzählte auch davon, ob die ehemaligen Dieburger Bürger dem Nazi-Terror durch rechtzeitige Flucht entkommen konnten oder ob sie in einem der Konzentrationslager ermordet wurden.

Fröhliches Lachen und tiefe Betroffenheit lagen so wenige Schritte voneinander entfernt wie die vielen Spuren jüdischen Lebens, zu denen die Stadtarchivarin die Teilnehmer geführt hatte, um deutlich zu machen „was Dieburg mit der jüdischen Gemeinde alles verloren hat“.

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