Mann wollte Leiden lindern

Pfleger verteilt doppelte Menge Morphium an Patienten: Gericht spricht Urteil

Zehn Monate Haft auf Bewährung – das ist das Resultat des Prozesses um den Groß-Umstädter, der einem todkranken Patienten die doppelte Menge Morphium verabreichte, um dessen Leiden zu lindern.

Darmstadt/Groß-Umstadt – Am 16. März 2018 stirbt im Senio-Pflegeheim Groß-Umstadt ein 63-jähriger Patient. Er hatte Lungenkrebs im Endstadium. Alltag in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Das Besondere an diesem Fall: Der Mann hatte drei Stunden vorher anstatt der ärztlich verordneten halben Ampulle Morphin eine ganze Ampulle von Krankenpfleger Thomas L. gespritzt bekommen – weil eine halbe Dosis die starken Schmerzen nicht lindern konnte (wir berichteten). Jetzt ist der 45-jährige wegen Körperverletzung vom Schwurgericht des Landgerichts Darmstadt zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden.

Das drohende Berufsverbot ist vom Tisch, ebenso die anfängliche Anklage wegen versuchten Totschlags. Auch der Haftbefehl, schon seit einem Jahr außer Vollzug, wurde vom Vorsitzenden Richter Volker Wagner aufgehoben. Noch eine weitere Besonderheit: Es gibt keinerlei Bewährungsauflagen für den bislang nicht Vorbestraften Groß-Umstädter. Die Kammer folgte damit vollständig den Forderungen von Staatsanwältin Eva Wörner.

Wagner machte von Anfang an keinen Hehl daraus, dass er auf der Seite des Angeklagten steht. „Dieser Fall hat gesellschaftliche Tragweite und kann von uns im Prinzip gar nicht beurteilt werden“, klagt er. Für den Richter besonders bitter: Er hatte vor zwei Jahren einen identischen Fall im Sitzungssaal, bei dem er eine Krankenpflegerin zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilte – ebenfalls wegen Körperverletzung. Die Verteidigung legte Revision ein, seitdem liegt der Fall beim Bundesgerichtshof. Dass der Senat sich für Rechtsmittelentscheidungen soviel Zeit lässt, ist unüblich und zeigt einmal mehr das menschliche Dilemma dieses Themas auf.

Denn ob die Krankenpflegerin aus dem Odenwald oder Thomas L.: Beide wollten weder Leben beenden, noch verletzen, sondern ihren Patienten die wenige Zeit bis zum Tod erträglicher gestalten. Natürlich wussten sie, dass zu den Nebenwirkungen des Morphiums eine mögliche Atemlähmung mit Todesfolge zählen kann. Doch auch die Ärzte vor Gericht entkräften die Anklage: „Natürlich muss man die Menge immer wieder anpassen, weil der Körper sich an den Stoff gewöhnt. Wenn man jemanden hätte töten wollen, hätte man mindestens die vierfache Dosis gespritzt.“ Hätte L. beim zuständigen Hausarzt angerufen, hätte dieser genau die von L. eigenmächtig gespritzte Menge telefonisch verordnet.

„Der Zustand des Patienten hat sich nach der Spritze verbessert, er hat eine Stunde ruhig geschlafen. Die Dosis hat also eine Verbesserung und keine Verschlechterung bewirkt.“ setzte Verteidiger Andreas Sanders dem Körperverletzungsargument der Staatsanwältin entgegen. Wenn überhaupt, dann könne man vielleicht über Arzneimittelmissbrauch reden. Sanders fordert Freispruch. Ob er und sein Mandant trotz oder gerade wegen des immer noch unsicheren alten Falls ebenfalls in Revision gehen werden, steht noch nicht fest. Der Gesetzgeber gibt eine Woche Zeit, um diese Entscheidung zu treffen.

L. arbeitet seit dem Vorfall als Hilfsmonteur im Oberleitungsbau und hat sich mit seinem veränderten Alltag arrangiert. Ob er jemals wieder als Krankenpfleger arbeiten wird – diese Entscheidung sei derzeit für ihn nicht so wichtig.

Nach der Anzeige durch eine Kollegin hatte er bei der Polizei alles gestanden, seine innere Zerrissenheit gezeigt und sich bittere Vorwürfe gemacht. Ein entsprechender Brief an seine Tochter aus der Untersuchungshaft war vor Gericht verlesen worden.

Ob das Medikament nun tatsächlich todesursächlich war, konnte gerichtsmedizinisch nicht festgestellt werden. Laut dem Gutachten spricht mehr dagegen als dafür.

VON SILKE GELHAUSEN

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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