Unter dem Titel „Augenblick, verweile doch!“

Alfred-Delp-Schule setzt Urwerk Goethes als Faust-Projekt um

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Faust (Umut Mehmet Eke) wird für sein Gretchen hübsch gemacht.

Dieburg - Frisch. und mit vielen Ideen bringen die Schüler des Oberstufengymnasiums in ihrem neuen Theaterstück den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse auf die Bühne. Von Ursula Friedrich

Goethes „Faust“ ist ein Klassiker der Deutschen Literatur. Und seit Jahrzehnten Pflichtlektüre in der Oberstufe. Aus heutiger Sicht wirke das Monumentalwerk „verstaubt, bisweilen langatmig“, erklärt Bettina Wannowius, Schulleiterin der Alfred-Delp-Schule dem Publikum am Samstagabend. Zeit zu handeln. Erwartungsvolle Zuschauer werden auch sogleich in eine turbulente Faust-Adaption gestürzt, die, frei nach der Vorlage des Dichterfürsten, modernisiert und ins Schulleben transferiert wird. Unter dem Titel „Augenblick, verweile doch!“ setzt die Theater AG des Oberstufengymnasiums das Urwerk Goethes als Faust-Projekt von Klaus Opilik um.

Die Story ist klar: Das ewige Gemetzel zwischen Gut und Böse manifestiert sich in einer Wette, deren tragische Figur der belesene Faust ist (Umut Mehmet Eke). In der ADS-Inszenierung geht es von der Eingangsszene an der Himmelspforte mit quietschender Engelsschar auf den Schulhof. Hier sinniert man im Schüleralltag nach dem Sinn des Lebens – als perfekter Aufhänger dienen abstrakte Ionenverbindungen und Mathegleichungen.

Herrlich kritisch geht es mit gesellschaftlichen und schulischen Themen ins Gericht, wobei die bekanntesten Zitate der Goethe-Vorlage munter eingearbeitet werden. „Was die Welt im Innersten zusammenhält?“ Man darf sich zwischen der materialistischen Deutung: „Kohle machen und Golf spielen“ und der Null-Bock-Variante entscheiden: „Das große Ganze geht mir am Arsch vorbei!“ Mit der Weisheit der Mitschülerin „Je blöder du bist, desto einfacher ist die Welt“, mag sich Faust dann doch nicht zufrieden geben – „hier steh´ ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.“ Dies ist der Einsatz für Mephisto, teuflisch gut interpretiert von Niklas Neureuther, der sich mit der nicht minder fiesen Schwester Mephista (Anita Bar) Verstärkung aus der Hölle holt. Das Böse trumpft gewaltig auf: Auf Rollschulen steigen Höllenweiber empor („Wir sind der Geist, der stets verneint...“), Musik und Lichteffekte unterstreichen das temporeiche Spiel, gegen die das Urwerk tatsächlich langatmig wirkt.

Noch bevor Gretchen (Svea Wichmann) die Bühne betritt, hat sich die Schülerschar an einem Drogencocktail berauscht. Die ausgelassene Party – Goethe hätte gestaunt – wird mit tollem Sound unterlegt, es wird getanzt, gefeiert bis zum bitteren verkaterten Ende.

Selbstkritisch werden Themen eingearbeitet, mit denen sich junge Menschen im Alltag auseinandersetzen: Vom Diktat magerer Schönheitsideale mit prallen Lippen und Körbchengröße C bis zum muskelbepackten Idealtypen, dessen Vorbild junge Herren in der Muckibude nachjagen. Vom munteren Phrasendreschen um Proteinshakes und Intimrasur wird es tiefgründig: „Mut und Aggressionen sind immer da, man muss sie nur ein wenig bündeln“, weiß Mephisto satanisch grinsend.

Die Technik macht zur Premiere einen Riesenjob, wenngleich die Schüler, die für Licht, Ton, Bühnenbild, Bewirtung und mehr verantwortlich sind, weniger prominent im Rampenlicht stehen. Regie und Intendanten (Tanja Mohrhardt, Christian Lampe) sowie Bühnenbildleiter Rolf Peters dürfen mit der Premiere des ADS-Neulings überaus zufrieden sein. Ein höllisch starkes Stück Unterhaltung mit Pep, Witz, Dramatik und Lebensphilosophie, das ein begeistertes Ensemble umsetzt.

Weitere Aufführungen gibt es am heutigen 6., sowie am 8., 10. und 11. März jeweils um 19.30 Uhr in der Aula der ADS.

Bilder: Abiball der Dieburger Alfred-Delp-Schule

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