Band aus Dieburg

Fünf Plätze besser als Andrea Berg

Die Dieburger Band Disbelief ist Anfang April in die deutschen Album-Charts eingestiegen – und rangierte zeitweise fünf Plätze höher als Andrea Berg. Foto: Band/p
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Die Dieburger Band Disbelief ist Anfang April in die deutschen Album-Charts eingestiegen – und rangierte zeitweise fünf Plätze höher als Andrea Berg.

Die Dieburger Death-Metal-Band Disbelief hat die Top 100 der deutschen Album-Charts erreicht - und einen Schlager-Star überflügelt.

  • Dieburg: Band überholt Schlager-Star Andrea Berg
  • Death-Metal-Band Disbelief aus Dieburg in den Top 100 der Charts
  • Neues Album der Dieburger Band heißt „The Ground Collapses“

Dieburg – „The Ground Collapses“ („Der Boden bricht ein“): So heißt das elfte Album der Dieburger Death-Metal-Band Disbelief. Mit ihrer neusten, gerade erschienenen Platte haben Sänger Kai „Jagger“ Jäger (49), Bassist Jochen „Joe“ Trunk (47), Drummer Fabian „Fab“ Regmann (31) sowie die Gitarristen David „Dave“ Renner (30) und Marius Pack (43) einen Paukenschlag gelandet: In der ersten April-Woche stiegen sie in die Top 100 der offiziellen deutschen Album-Charts ein.

Die werden – wie auch die Single-Charts – wöchentlich von der GfK Entertainment in Baden-Baden publiziert (siehe auch Interview unten). Ende März veröffentlichten Disbelief ihr Album; wenige Tage später wurden sie in den Album-Charts als Neueinsteiger auf Platz 93 gelistet. 

Damit erzielte die Band aus Dieburg in der Bezugswoche mit ihrer Musik mehr Umsatz als Schlagerstar Andrea Berg. Sie landete mit „Mosaik“ fünf Ränge hinter dem Metal-Quintett. Wobei es fairerweise der Einordnung bedarf: Während das Disbelief-Album frisch auf dem Markt ist, hält sich die Schlagerqueen mit ihrer Scheibe schon seit etlichen Wochen. Inzwischen ist die Dieburger Band wieder aus den Top 100 gerutscht. Und auch das mit der „Dieburger“ Band muss man präziser darstellen.

Dieburg: Band überholt Schlager-Star Andrea Berg

Denn offizieller Standort von Disbelief ist zwar die Gersprenzstadt, wo sich die Band 1990 auch gründete. Karsten „Jagger“ Jäger war schon damals dabei, ist das letzte verbliebene Gründungsmitglied. „Die ersten Musiker kamen aus Nieder-Klingen, Habitzheim, Richen und Dieburg“, blickt er zurück. Jäger selbst wohnt derzeit in Groß-Umstadt; erster Schlagzeuger – und das 20 Jahre lang – war beispielsweise Kai Bergerin, der im Dieburger Industriegebiet die Modern Music School leitet. Der aktuelle Bassist Jochen Trunk, aus dessen Feder auch die meisten Songs von Disbelief stammen, wohnte auch mal in Dieburg. Ansonsten leben die aktuellen Bandmitglieder aber verstreut in der Republik, in Miltenberg, Pforzheim und Essen.

Der Lokalbezug ist ob der vielfältigen personellen und sonstigen Berührungspunkte mit Dieburg und der Umgebung freilich gegeben. „Gerade im Raum Darmstadt-Dieburg gab es mal eine coole Heavy-Metal-Szene“, schaut Jagger drei Jahrzehnte zurück. In Sachen Bands und Auftrittsmöglichkeiten sei „diese Kultur bei uns in der Gegend leider Stück für Stück verschwunden, wie ein Zeitgeist“, bedauert er. 

Band aus Dieburg in den Charts vor Andrea Berg

Heute finde man eine intakte Szene in Deutschland vor allem „noch da, wo reine Heavy-Metal-Festivals stattfinden“. Das Dieburger „Traffic Jam“ wertet der Frontmann als „kein Ausdruck einer guten, hiesigen Heavy-Metal-Szene, weil es im eigentlichen Sinn mit traditionellem Heavy Metal nichts zu tun hat“. Positiv wiederum: „Heutzutage gibt es bei uns viel mehr Möglichkeiten, an Proberäume zu gelangen.“ Allerdings seien diese gerade für junge Bands oft zu teuer.

Trotz einiger Wechsel in der Band – neben den fünf aktuellen Musikern gehörten früheren Besetzungen ein Dutzend weitere an – zählen Disbelief im 30. Jahr ihres Bestehens eher zu den „alten Hasen“. Neun der elf Alben entstanden bis 2010; derzeit arbeitet die Gruppe mit der französischen Plattenfirma Listenable Records zusammen und hat das Booking an die Kölner Agentur Go Down Believing vergeben. „Um unsere CDs wie auch LPs zu verkaufen, arbeiten wir mit dem Vertrieb Edel zusammen“, erläutert Jagger. „Er ist dafür zuständig, dass unsere Alben im Geschäft stehen, und deckt auch alle Online-Dienste ab.“

Dieburg: Death-Metal-Band leidet unter Corona-Krise

Dies ist der eine Weg, auf dem der „intensive oder extreme Death Metal“, wie Jagger den eigenen musikalischen Stil beschreibt, seine Fans erreicht. Der andere sind Live-Konzerte – mit nationalem wie internationalem Publikum. „Im Laufe der Zeit hat es sich so entwickelt, dass unser Hauptteil an Fans aus dem Osten unseres Landes kommt“, erzählt der Sänger. Dort seien gut besuchte Konzerte „eigentlich eine Garantie“. Im Ausland ist die Dieburger Band vor allem französischen, tschechischen, polnischen, schweizerischen und österreichischen Metal-Fans ein Begriff.

Die Corona-Krise macht natürlich auch vor den mächtigen Bühnenshows von Disbelief nicht halt. Schon zwölf Konzerte, die meist aber nachgeholt werden sollen, mussten bislang abgesagt werden. Die Live-Gelegenheit, „The Ground Collapses“ live zu präsentieren und bekannter zu machen, bot sich also noch gar nicht. „Trotzdem ist es uns erstmals gelungen, in die Charts einzusteigen“, sagt Jagger. Mehrmals habe man mit früheren Veröffentlichungen kurz davor gestanden.

Den Sänger, für den Disbelief zum Lebensmittelpunkt geworden ist, trifft das Coronavirus nicht nur mit Blick auf seine Band: Er arbeitet zudem noch als Selbstständiger in der Veranstaltungsbranche, die noch monatelang gebeutelt bleiben wird. Alle anderen Musiker von Disbelief stehen trotz ihres Erfolgs, den neben dem Einstieg in die Charts auch große Festivalauftritte wie in Wacken und Eindhoven sowie Tourneen mit No Mercy und Shows etwa mit Slayer und Sepultura verdeutlichen, in festen Arbeitsverhältnissen. Von „Hobby“ würde Karsten „Jagger“ Jäger dennoch nicht mehr sprechen: „Damit hat das wenig zu tun – dafür steckt zu viel Leidenschaft dahinter und alles ist viel ambitionierter.“

VON JENS DÖRR

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