Darmstädter Architekt will Pendlerströme aus Richtung Dieburg stoppen

Mutige Idee: „Autobahnhof“ über der B26?

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Umsteigestation: Den „Autobahnhof Ost“ auf der B 26 kurz vor Darmstadt möchte der Architekt Udo Nieper realisieren.

Der Individualverkehr in Deutschland, für diese Prognose muss man kein Prophet sein, hat in seiner jetzigen Form keine große Zukunft. Viel zu viele, viel zu große und viel zu PS-starke Autos verstopfen die Städte und machen sie weniger lebenswert.

Dieburg/Darmstadt – Hinzu kommen hausgemachte Probleme der Städte und Kreise wie etwa im Darmstädter Osten, wo die Politik seit Jahrzehnten keine Lösung für die Pendlerströme aus Richtung Dieburg findet. Wer morgens nicht über die B26 nach Darmstadt muss, sollte seinem Schöpfer auf Knien danken. Bisweilen stehen die Autos ab Roßdorf im Stau – die Nadelöhre am Darmstädter Ostbahnhof oder in der Heinrichstraße vor sich. Verschärft wird die ohnehin kaum tragbare Situation aktuell durch Baustellen im Spessartring und im Fiedlerweg, wo der Energieversorger Entega neue Gas- und Wasserleitungen verlegt. Bis Juni dürfte der Beinahe-Verkehrsinfarkt im Darmstädter Osten andauern, unter dem auch die Busfahrer und -gäste aus Richtung Dieburg leiden, die dem Fahrplan hinterherhecheln.

Einen passenderen Zeitpunkt für den Vorschlag des Darmstädter Architekten Udo Nieper könnte es also kaum geben. Niepers mutige Idee: ein „Autobahnhof Ost“ am Ostrand Darmstadts, genauer gesagt über der Bundesstraße 26, auf der so viele Pendler aus dem Ostkreis Darmstadt-Dieburg und dem Odenwald samt ihren Autos in die Stadt schleichen.

Autobahnhof vor der Stadtgrenze in Darmstadt

Das Bauwerk über den vier Spuren der autobahnähnlichen Bundesstraße hätte nach Niepers Vorstellungen durchaus imposante Ausmaße: In der ersten Stufe stellt er sich eine Länge von 250 Metern, eine Breite von 34 Metern und drei Geschosse vor, auf denen insgesamt etwa 1 000 Autos Platz finden könnten. Der Autobahnhof vor der Stadtgrenze sei jedoch erweiterbar und könnte am Ende einen Kilometer lang sein. Die „leichte, offene Konstruktion“ werde auf natürlichem Wege belüftet.

Die Anlage solle eine Umsteigestation zwischen Kreis und Stadt sein. Auf seitlichen, geraden Rampen könnten die Autofahrer direkt von der B 26 auf die Parkebenen gelangen. Über Treppen und Fahrstühle ginge es zur „Ebene 0“, wo die Umsteiger mit Straßenbahnen, Bussen, Sammeltaxis oder Taxis ihre Fahrt zum Einkaufen oder zum Arbeitsplatz fortsetzen. Zudem stellt sich Nieper Leihfahrräder und diebstahlsichere Fahrradabstellplätze vor.

Eine Straßenbahnhaltestelle am Autobahnhof wäre freilich Voraussetzung für die optimale Vernetzung der Verkehrsmittel. Deren Gleise sollten auf der anderen Seite gleich über Roßdorf bis nach Groß-Zimmern führen. Zudem könnten Fußgänger und Radfahrer leicht die Haltestelle „Lichtwiese“ der Odenwaldbahn erreichen.

Stadtplaner: „Darmstadt ist besonders krank“

Ein modernes Stadttor: So soll der „Autobahnhof Ost“ einmal aussehen.

Der renommierte Stadtplaner betont, dass der Autobahnhof keine zusätzliche Fläche verbrauchen würde und gibt ihm städtebaulich durchaus den Charakter eines mittelalterlichen Stadttores. „Die Aufenthaltsqualität in Darmstadt muss dringend verbessert werden“, sagt er dem Dieburger Anzeiger. Straßen seien nicht zum Parken da, sondern öffentlicher Raum. „Darmstadt ist besonders krank“, klagt Nieper, für den etwa der City-Ring „eine Katastrophe“ ist und der ein leidenschaftlicher Verfechter der 2011 gescheiterten Nordostumgehung ist. („Die wird wieder kommen.“) So solle der Autobahnhof auch nicht nur Pendlern dienen, sondern auch Darmstädtern, die ihr Auto vor den Toren der Stadt stehen lassen könnten.

Was kostet das alles? „Leider ist dies in diesem Stadium unmöglich zu nennen, jede Zahl wäre unseriös“, sagt Nieper. Ebenso offen ist auch der Umgang mit den Pendlern aus Richtung Dieburg, die nicht in Darmstadt arbeiten, sondern quer durch die ganze Stadt müssen, um die Autobahnen im Westen zu erreichen.

Gleichwohl wird sein Ansinnen bereits heiß diskutiert. „Den Vorschlag sollte man auf alle Fälle prüfen und am besten auch umsetzen“, sagte der Darmstädter CDU-Vorsitzende Paul Wandrey. Der Darmstädter SPD-Landtagsabgeordnete Bijan Kaffenberger äußerte sich in einer Pressemitteilung ebenfalls positiv zu dem „innovativen“ Vorschlag. Skeptisch ist SPD-Mitglied Nieper zufolge dagegen die Darmstädter Grünen-Vorsitzende Hildegard Förster-Heldmann.

Stadt Darmstadt prüft die mutige Idee

Die Stadt Darmstadt teilte auf Anfrage lediglich mit, auf politischer und Verwaltungsebene werde derzeit geprüft, ob und wie sich „eine Mobilitätsdrehscheibe nahe der B26“ verwirklichen ließe. Diese würde „idealerweise ein P+R-Parkhaus mit einer Straßenbahnanbindung und weiteren Mobilitätsangeboten“ verknüpfen. Die Prüfung sei jedoch noch nicht abgeschlossen. Dieburgs Bürgermeister Frank Haus (parteilos) meinte, der Autobahnhof löse das Problem eher nicht und sei nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“.

Nieper ist dennoch überzeugt von seinem Vorschlag. Und das seit fast 30 Jahren: In einem selbst verfassten „Sonderblatt“ blickte er 1991 ein Vierteljahrhundert voraus ins Jahr 2016. Unter der Überschrift „Autobahnhof wird heute eröffnet“ findet sich darin en masse fast schon gespenstisch Prophetisches zu aktuellen Mobilitätsfragen und zum drohenden Verkehrskollaps. Einiges aber ist nach wie vor Vision. So heißt es etwa: „Die Einwohner von Dieburg, Groß-Zimmern, Reinheim, Roßdorf und Umgebung konnten nach dem Umsteigen im Torhaus Ost nahezu ohne Zeitverlust ihren Weg in die Stadt oder zu ihrem Arbeitsplatz fortsetzen. Bald jedoch wurde auch in Dieburg zunächst ein einfacher Park+Ride-Platz angeboten, um den Verkehr von Dieburg und Umgebung nach Darmstadt zu sammeln.“

VON RALF ENDERS

Quelle: op-online.de

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