An beiden Tagen jeweils 1 800 Besucher

Gelungener Neustart des Traffic-Jam-Festivals

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24 Bands spielten bei der Neuauflage des Traffic Jam. Wer wollte, konnte sich an zwei Tagen jeweils zwölf Stunden lang mit Metal- und Punk-Musik beschallen lassen. 

Obwohl Dahlia Erlenkamp (19) und Christian Killing (23) aus Münster kommen und damit nur wenige hundert Meter weg vom Open-Air-Festival Traffic Jam wohnen, haben sie sich fürs Camping und die Extra-Kosten entschieden. „Die besten Partys steigen in der Nacht.

Dieburg –  An jeder Ecke lernt man hier jemand kennen“, sagt die Heilerziehungspflegerin in Ausbildung. Auf den Campingstühlen vor den Zelten seien 24 Stunden lustige Runden anzutreffen. Dass sie überhaupt ein Auge zumachen wird, sieht sie als unwahrscheinlich. „Gehst du schlafen?“ fragt sie Nebenmann Nils Mallock (21) nach der Anreise ironisch. „Vermutlich nicht“, entgegnet der Sozialarbeiter aus Rödermark lachend.

Mit mehr als 300 Zelten auf dem Camping-Areal war die Möglichkeit zu neuen Bekannschaften groß. Während Nils Mallock schon Erfahrung in Wacken, dem Mekka für schwere Musik in Schleswig-Holstein, sammelte, hat Dahlia Erlenkamp bisher das Traffic Jam gereicht. „Deshalb bin ich umso glücklicher, dass es dieses Jahr wieder stattfindet“, meinte sie dankbar.

Nach einem Jahr Pause, in der sich mit „Schall-MAGNET“ ein neuer Trägerverein bildete, stand am Freitag und Samstag die 19. Auflage für Musikfans aus den Genres Metal und Punk an. Wie Dahlia Erlenkamp schienen viele aus Nah und Fern das Festival auf dem Verkehrsübungsplatz Völker vermisst zu haben: „Der Kartenverkauf lief von Anfang an konstant“, informierte Pressesprecher Sebastian Grunwald. Schon Monate vor dem Event waren die verbilligten „Katze-im-Sack-Tickets“ innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Zu diesem Zeitpunkt standen die Bands noch gar nicht fest. Nachdem diese raus waren, fügte sich eine weitere Verkaufswelle an.

Annika Schweitzer kam mit ihren Töchtern Matea und Tessa.

Das sogenannte Line-Up mit 24 Bands konnte sich am Wochenende mehr als sehen lassen. Vom frühen Freitagnachmittag bis in die tiefe Samstagnacht wechselten nahezu stündlich die Bühnenakteure. Als Höhepunkt und somit Headliner spielte am zweiten Tag die Münchner Underground-Gruppe „Emil Bulls“, die auch schon bei Rock am Ring dabei war. Ihre eigenwillige und natürlich härter gespielte Coverversion des einstigen Welthits „Take on me“ von A-ha forcierte deren Bekanntheit. Die meisten Band-Namen beim Traffic Jam, darunter „Apollo Apes“, „The Disaster Area“ „Frau Ruth“, „Ocean of Plague“ oder „The Butcher Sisters“ sagen dem szeneunkundigen Publikum wenig. Bei Hartmut Röder, der seit seit zehn Jahren zum freiwilligen Helferkreis und seit 2019 auch zur Orga beim Traffic Jam zählt, ist das anders. Er kann die Bands in ihre Sonderrichtungen wie „Ska“, „Trash“, „Power-Polka“, „düstere Core-Musik“ oder auch ganz salopp mit „hier gibt’s was auf die Glocken“ einteilen.

Schon am frühen Freitag erfreuten sich die Besucher am Headbanging oder dem Pogo-Tanz, bei dem wild durch die Gegend gesprungen und sich angerempelt wird. Für den Dieburger Florian Wernecke, der in Darmstadt Elektro- und Informationstechnik studiert, täuscht der Eindruck beim Pogo: „Es sieht nach Gewalt aus, die ist es aber nicht. Die Leute lassen mit Spaß ihre wie bei jedem Menschen angestauten Energien raus“, weiß der 23-Jährige. Dem stimmte Nils Mallock zu: Metal sei Religion und Familie, Gewalt und negative Emotionen wären hier absolut unüblich.

Der will nur spielen: Martialisch wirken die Mitglieder der Band Ektomorf schon. Doch der Schein trügt, Gewalt hat in der Metal- und Punk-Szene nichts verloren.

Von dem Festivial und seinen Besuchern, die bevorzugt schwarze Kleidung tragen und auch Tattoos und Piercings nicht abgeneigt sind, konnte sich am Samstagnachmittag die Bevölkerung ein Bild machen. Zum ersten Mal gab es zwischen 11 und 15 Uhr einen Tag der offenen Tür. „Neben der Außendarstellung drücken wir damit unsere Verbundenheit zu Dieburg aus“, erläutert Pressesprecher Sebastian Grunwald. Wie sich zeigte, wurde dies sehr gut angenommen. Viele Bürger, darunter auch jede Menge ältere Semester, waren neugierig auf das Geschehen hinter den Bauzäunen. Dagmar Orth (59) aus Münster etwa nahm die Chance wahr. „Das muss man sich doch mal angucken“, meinte sie. Die Stimmung bezeichnete sie als locker, das Essen als gut. Nur einige Besucher sähen ziemlich müde aus. „Meine Tochter war schon öfters hier. Jetzt ergibt sich die Möglichkeit, mal zu schauen, was hier läuft“, sagte Christina Marx (52). Früher habe sie eher nicht gewollt, dass die Tochter hierher geht. Die Einstellung habe sich längst geändert. „Auch wenn‘s nicht meine Musik ist: Es ist toll, dass Dieburg sowas hat, und das Traffic Jam sollte unbedingt erhalten bleiben.“

Am Sonntagmorgen zogen die „Schall-MAGNET“-Vorstandsmitglieder André Wetzel und Jan Petto ein positives Fazit: „Wir sind super zufrieden. An jedem der beiden Tage waren etwa 1 800 Besucher auf dem Gelände.“ Auch der Getränkeverkauf sei gut gelaufen. Die genauen Abschlusszahlen, wer ein Tages- oder Wochenendticket hatte und wie die finanzielle Bilanz ausfällt, müssten nach dem Bezahlen der Rechnungen noch ausgewertet werden.

Mit die jüngsten Besucher des Festivals waren Matea (6) und ihre Schwester Tessa (9) aus Groß-Bieberau. Ihre Mutter Annika Schweitzer hatte die Töchter mitgebracht und dem jüngsten Spross Schallschutz-Kopfhörer verpasst. Wie die 31-Jährige erzählte, habe sie mit 14 Jahren zum ersten Mal Metal gehört und sei nie wieder davon losgekommen. „Bei der Musik muss man nicht nachdenken. Das macht das Relaxen für mich einfach“, sagt die Erzieherin. Im Gegensatz zu anderen Zeitgenossen entspanne sie nicht bei leiser, sondern bei lauter Musik. Dazu schätzt sie Punks als offene, natürliche und gesellige Menschen, die einen sofort aufnehmen. Dass sie ihre Kinder zum Traffic Jam mitgenommen hat, begründet sie damit, dass der Nachwuchs die Vorlieben der Mama kennenlernen soll. Später könnten die Kids dann selbst entscheiden, welche Musik ihnen am liebsten ist. „Wenn sie genug haben, fahren wir heim“, betonte Schweitzer. Davon machten Matea und Tessa keinen Gebrauch. Wie die ältere von beiden sagte, höre sie zwar lieber Mark Foster, ansonsten gefalle es ihr hier aber gut und die Leute seien interessant.

Hartmut Röder aus dem Orga-Team brachte das so auf den Punkt: „Das lässt sich hier mit einem coolen Maskenball vergleichen. Wir erleben eine lebendige Jugendkultur, und es ist klasse anzusehen, wie sich die Leute darstellen.“

VON MICHAEL JUST

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