1. Klimaspaziergang

Mehr Schattenspender erwünscht

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„Nur noch trostlos“: An der „Betonwüste“ in der Goethestraße entzündete sich die Kritik beim 1. Klimaspaziergang.

Beim 1. Klimaspaziergang standen die städtische Flora und Fauna und ganz speziell der Blick auf vorhandene und nicht vorhandene Bäume im Mittelpunkt. Vor allem eine Straße empfanden die Teilnehmer als abschreckendes Beispiel.

Dieburg – Für Bewohner am Marktplatz und Geschäftsinhaber sind heiße Sommer ein Graus: Meist knallt die Sonne derart stark auf das Pflaster, dass es sich in Dieburgs Mitte kaum aushalten lässt. Ein Mehr an Bäumen könnte das Aufheizen der riesigen Steinfläche verhindern. „Im Italien- oder Frankreichurlaub schätzen wir die schattigen Plätzchen in zentraler Lage. So etwas vermisse ich hier“, sagt Erich Kleene, Inhaber der „Bücherinsel“.

Am Samstagmorgen beim 1. Dieburger Klimaspaziergang hielt er zu Beginn ein kleines Plädoyer für mehr natürliche Schattenspender auf dem Marktplatz. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Runden Tisch Dieburg („Rudie“), der aus rund zehn politisch interessierten Bürgern besteht. Bei den wöchentlichen Treffen wird die Stadtpolitik verfolgt und generell mehr Mitbestimmung der Einwohner angestrebt.

Hervorgegangen ist „Rudie“ aus den Protesten gegen das Reifenlager Fiege. Derzeit sind vor allem der lokale Klimaschutz und ein grünes Dieburg auf die Agenda gerückt. „Wir wollen die Bürger animieren, darüber nachzudenken, was jeder Einzelne für den Klimaschutz leisten kann“, erklärte Michaele Krumbach. Davon zeugte der Info-Tisch, den die Gruppe auf dem Marktplatz platzierte. Vom eigenen Kräuter- und Wildblumengarten, über erneuerbare Energien bis hin zu Literatur zum Erhalt von Bäumen lieferte der allerlei Anregungen.

Auch ein Fragebogen lag aus, auf dem sich prüfen ließ, was man selbst zur Klimaneutralität beiträgt oder ob die Maßnahmen der Stadt, etwa bei Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden oder energetischer Sanierung, ausreichend sind.

Mit rund 40 Teilnehmern erlebte die Premierenveranstaltung eine gute Resonanz. Unter der Überschrift „Droht uns erneut ein Sommer ohne Schatten?“ war ein Rundgang im Zentrum von etwa einer Stunde geplant. In den Mittelpunkt rückte die städtische Flora und Fauna und ganz speziell der Blick auf vorhandene und nicht vorhandene Bäume. Schließlich spielen die für das Welt- und das Mikroklima eine bedeutende Rolle.

Für „Rudie“ wird die Anzahl der Bäume im Stadtgebiet augenscheinlich weniger – und das trotz des einstigen Werbeslogans „Dieburg, die Stadt im Grünen“. An mehreren Ecken wurden laut den Mitgliedern Bäume gefällt und nicht ersetzt, darunter die Robinien vor der Goetheschule. Vor allem die Goethestraße wird derzeit als abschreckendes Beispiel herangezogen und als komplette „Steinwüste“, die ohne einen einzigen Baum auskommt, markiert. „Hier sieht es aus wie auf dem Rangierplatz eines Gewerbegebiets“, formulierte ein Teilnehmer. Von „Einfach nur trostlos“ bis „Beste Möglichkeiten zum Spiegeleierbraten im Sommer“, reichten weitere Bemerkungen. „Der Anblick ist abschreckend. So kann man heute einfach nicht planen“, konstatierte mit Landschaftsplaner Peter Maack ein Mann vom Fach.

Wie er einschränkte, seien Bäume heute ein kontrovers und emotional diskutiertes Thema. Einigen Bürgern seien sie wegen des Laubs auf Wegen und Autos ein Dorn im Auge. „Beziehen die Städte die Anlieger bei der Straßenplanung mit ein, erweist sich das zunehmend negativ für das Pflanzen von Bäumen“, weiß Maack. Bestes Beispiel seien die vorangegangenen Diskussionen im Burgweg. Schon vor Jahren entwickelte Maack für seine Heimatstadt Dieburg ein Konzept, wie sich mehr Grün verwirklichen lässt.

„Natürlich lassen sich in der Zuckerstraße keine Bäume hochziehen. Eine Option sind aber mobile Lösungen“, sagt der Experte. Mit „Blumenampeln“ an Lichtmasten würde das zum Teil schon umgesetzt. Für Maack bleibt dennoch reichlich Luft nach oben. „Wir brauchen weniger Ordnungspolizisten und mehr Gärtner“, führte Hildegard Stauß zur Umsetzung eines grüneren Dieburgs an. Geschäftsinhaber und Anwohner sind dafür ebenso aufgefordert, mit Blumenkübel oder -kästen etwas für Optik und Kleinklima zu tun. Im Sommer dankten das die Pflanzen mit ihrem Kühleffekt. Über Patenschaften oder das Einbeziehen von Schülergruppe könne die Stadt Unterstützung bei der Pflege erhalten. Auch ein Blick nach Babenhausen erweist sich dafür als hilfreich: Hier schrieb die Stadt vor wenigen Jahren den Preiswettbewerb „Blühende Altstadt“ aus, um damit aktive Bürger anzuspornen.

Erste Station des Klimaspaziergangs war der Kirchplatz neben der Stadtkirche. Dort sprangen die ziemlich stark gestutzten Linden ins Auge. „Für uns ist das hier weder eine fachgerechte Baumpflege noch ein schöner Anblick“, hob Anna-Maria Wagener-Rohde heraus. Am Kirchplatz prallen die Ansichten von „Rudie“ und der Verkehrssicherungspflicht der Stadt, die möglichem Astbruch mit einem kompletten Rückschnitt vorbeugt, derzeit besonders deutlich aufeinander. Laut einer Teilnehmerin wäre es besser, keinen alljährlichen Turnusschnitt sondern einen je nach Notwendigkeit ausgerichteten Bedarfsschnitt durchzuführen.

Im Verlauf des Klimaspaziergangs wurde immer wieder deutlich, dass ein Großteil der Spaziergänger die Dieburger Bäume auf dem Rückmarsch sieht. Die Stadt im Grünen vergesse mehr und mehr ihr altes Werbemotto. „Wenn es so weitgeht, ist bald kaum noch Grün im Zentrum vorhanden“, befürchtet Birgit Schmidt-Walter.

An die Stadt geht deshalb die Aufforderung, dem lokalen Klimaschutz verstärkt Aufmerksamkeit zu schenken und für die Sommer mehr Schatten durch Bäume zu schaffen. In deren Umfeld ließen sich Bänke platzieren, die vor allem ältere Menschen schätzen. In der Goethestraße seien weder Bäume noch Bänke vorhanden.

Privatpersonen können mit entsprechender Gartengestaltung ebenfalls was fürs Kleinklima tun. Dabei sind reine Steingärten oder das breite Versiegeln mit Bodenplatten zu vermeiden. Ein positives Beispiel für ein gelungenes Anwesen tut sich ausgerechnet in der Goethesstraße auf: Hier ist das Passivhaus von Heidi Pongratz mit Bambusgewächsen, Feigenbaum oder Lavendel ein echter Hingucker. Naturnahes Wohnen und Ästhetik bilden hier eine nahezu vollkommene Einheit. Das Haus von Heidi Pongratz kommt einer ganz zentralen Aussage der Klimaspaziergänger nach: „Frage nicht zuerst nach der Stadt, sondern was du tun kannst. Klimaschutz beginnt mit dir!“

Der 1. Dieburger Klimaspaziergang soll – wie der Name bereits verrät – nicht der letzte gewesen sein. Weitere Rundgänge und Themen zum lokalen Klimaschutz sind geplant.

VON MICHAEL JUST

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