Tausende trotzen dem Regen

Martinsmarkt des Dieburger Gewerbevereins: „Mit Profi wäre der Markt bald tot“

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Der Glasbläser verkaufte seine Kreationen beim Martinsmarkt nicht nur, er gab auch viele Erläuterungen ab.

Beim 34. Martinsmarkt des Dieburger Gewerbevereins trotzen Tausende dem Regen. Für Marktmeister Alois Ostner ist derweil noch kein Nachfolger in Sicht.

Dieburg – „Wenn in Dieburg Marktzeit ist, es gerne mal vom Himmel pi...!“ So schlecht, wie sie Bürgermeister Frank Haus am Wochenende malte, ist die Wetterbilanz bei Veranstaltungen in der Gersprenzstadt gottlob nicht. Haus hatte wohl explizit das laufende Jahr vor Augen, als sowohl der Fastnachtsumzug und der Maimarkt als auch das Schlossgartenfest trüb und verregnet waren (während „Dieburg in Blau“ sommerlich verwöhnt wurde). Von Freitag bis Sonntag mussten die vielen Fans des Dieburger Martinsmarkt ebenfalls dem Nass von oben – und im Fechenbach-Park dem Matsch von unten – trotzen. Sie kamen dennoch zu tausenden.

„Der Martinsmarkt ist zum Glück so stark, dass selbst beim schlechtesten Wetter noch viele Leute kommen“, sagte während der 34. Auflage des Großereignisses in der Innenstadt Marktmeister Alois Ostner. Der Kaufmann weiß besser als jeder andere, wovon er bei diesem Thema spricht: Seit mehr als 30 Jahren steht Ostner für den veranstaltenden Gewerbeverein ehrenamtlich an der Spitze der Veranstaltung. Sogar bei ganz miesem Wetter verzeichneten die Händler noch eine ordentliche Frequenz, so der Dieburger, was der Zuspruch an allen drei grauen Herbsttagen untermauerte.

Was stark mit der bunten und liebevollen Zusammenstellung der Attraktionen zusammenhängt, die Ostner in drei Jahrzehnten der Erfahrung und des Netzwerkens verfeinert und perfektioniert hat. 150 Stände gab es auch an diesem Wochenende, nur einer blieb fern, „der hatte seine Standgebühr aber schon vorher bezahlt“. Ostner achtete erneut auf einen Mix aus professionellen Betreibern – darunter Gastronomen und Kunsthandwerker in einem gesunden Verhältnis – und Dieburger Vereinen wie Prinzengarde, Musikanten oder mehreren Fastnachtsgruppen. Dieburgs Partnerstädte Aubergenville und Mladá Boleslav trugen mit ihrer Präsenz und reichlich auflockerndem Umtrunk wieder ihr Scherflein zur Völkerverständigung bei.

Alois Ostner ist seit über als 30 (!) Jahren der für den Gewerbeverein ehrenamtlich tätige Marktmeister.

Knapp ein Drittel der Stände waren dabei im mittelalterlichen Marktteil im Fechenbach-Park zu finden, dessen Wege den vielen Regen nicht aufnehmen konnten. Ob in der Nachbildung eines Ritterlagers, beim Bogenschießen oder an der Feuerstelle des Schmieds: Das spannende, nur ein paar Dutzend Generationen zurückliegende Zeitalter wurde wieder lebendig. Schön: Einige Darsteller und Gaukler gingen offensiv auf die Besucher zu und vermittelten ihnen Wissenswertes. Ein in Lumpen gehüllter Bettler etwa erläuterte, woher der Begriff „Schlitzohr“ stammt: Handwerker trugen im Mittelalter als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zu einer Zunft oft einen goldenen Ohrring. Er galt als eine Art „Geldanlage“ für schwierige Zeiten – und auch für den Todesfall in der Fremde als letzte Gegenleistung für die eigene Beerdigung. Leistete sich ein Handwerker etwas Unredliches, wurde ihm der Ring aus dem Ohr gerissen – fortan war er aus der Zunft ausgeschlossen und als betrügerisches „Schlitzohr“ gekennzeichnet.

Dass tausende Dieburger und Besucher aus der ganzen Region alljährlich ein solch stimmungsvolles erstes November-Wochenende erleben können, wird allzu oft als eine Art „Naturgesetz“ hingenommen. Ist es nicht, denn ohne Ostner hätte der Gewerbeverein und letztlich das ganze Mittelzentrum, zu dessen größten Attraktionen der Martinsmarkt zählt und dessen Innenstadt-Geschäfte über den verkaufsoffenen Sonntag von seiner Anziehungskraft profitieren, ein großes Problem. Der Frage, wer einmal in die großen Fußstapfen des Marktmeisters treten könnte, muss sich der Verein verstärkt stellen; noch ist niemand in Sicht. Nächstes Jahr wird Ostner 70 und ist schon seit einiger Zeit dazu bereit, den Stab an jüngere Nachfolger zu übergeben.

Seinen definitiven Abschied zu einem bestimmten Zeitpunkt hat Alois Ostner gleichwohl noch nicht verkündet. Den Dieburger Martinsmarkt, das betonte der Marktmeister am Wochenende erneut, sieht er auch künftig unter der Regie des Gewerbevereins: „Mit einem Profi wäre der Markt in drei Jahren tot.“ Dann würde nur noch auf den Profit geachtet und wohl der x-te Bratwurststand („Der zahlt für einen Platz das Vier- oder Fünffache“) jene Kreativen verdrängen, deren Präsenz im besonderen Maße zur heimeligen Atmosphäre des Martinsmarkts beiträgt.

VON JENS DÖRR

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