Nachtwächter-Theater des Heimatvereins

Mit der Altardecke auf Mäusejagd

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Die Schauspieler der zweiten Theatergruppe entführen in den früheren Friseursalon von Jean und Lisabeth Brand. Autorin Monika Dambier-Blank ist auf dem Foto vorn rechts zu sehen.

Das Nachtwächter-Theater des Heimatvereins widmet sich diesmal dem Bau der Evangelischen Kirche – und der Frage, warum es in Dieburg so viele Friseure gibt.

Dieburg – Verbohrte Leute gab es schon immer – aber auch tolerante, die Andersgläubigen die Hand reichten. So auch im Dieburg des späten 19. Jahrhunderts: Als die längst aktive, zum Gottesdienst aber ins Rathaus oder nach Groß-Zimmern ausweichende evangelische Gemeinde Ende der 1880er Jahre endlich ihre eigene Kirche am heutigen „Spieß-Kreisel“ bauen konnte, halfen Dieburger Katholiken und Juden etwa durch kostenlose Kiesfuhren mit. Dass mancher im „sellemols“ noch stark katholisch geprägten Gersprenzstädtchen den Dieburger Protestanten weit weniger aufgeschlossen gegenüberstand, ist ebenfalls ein Umstand, den der Heimatverein bei seinen diesjährigen Nachtwächter-Rundgängen aufgreift. Am gestrigen Freitag fanden die ersten statt – und mit ihnen die fast schon traditionellen Theaterszenen als Höhepunkte der historisch bildenden wie amüsanten Abendspaziergänge.

Eins der beiden je etwa 20 Minuten langen Stücke dreht sich also um die Dieburger Protestanten und spielt deshalb auch in der evangelischen Kirche. Vor 130 Jahren, am 22. August 1889, wurde das Gotteshaus eingeweiht. Zwei Jahre zuvor war der Beschluss zum Bau gefasst worden; die Stadt Dieburg stellte das Grundstück gratis zur Verfügung, und auch über viele Spenden brachte die evangelische Gemeinde die veranschlagten 29 000 Mark für das Bauwerk zusammen.

Autorin Sonja Werner hat die Szene geschrieben, in der man nicht nur wegen der herrlichen Dieburger Mundart an mehreren Stellen ordentlich schmunzeln darf. Wenn etwa die Kinder in der Nebengeschichte mit der gerade neu gespendeten Altardecke auf Mäusejagd gehen, ist das liebevoll wie ulkig inszeniert. Dass in beiden Theatergruppen in diesem Jahr zusammen fünf Kinder und sieben Jugendliche mitwirken, macht den Heimatverein besonders stolz. „Das zeigt, dass es auch junge Menschen gibt, die sich mit der Geschichte Dieburgs und unserer schäi Dibbojer Sprooch beschäftigen“, freut sich Vereinsvorsitzende Maria Bauer.

Allein vier Enkelkinder von Autorin Sonja Werner sind im Stück über den Bau der evangelischen Kirche mit von der Partie. Eins von ihnen regt in seiner Rolle als Schulmädchen zum Nachdenken an: Die streng katholischen Eltern einer Klassenkameradin hätten dieser geraten, ihr die Freundschaft zu kündigen, weil sie evangelisch sei. Die Szene klingt mit einem (frommen?) Wunsch aus: „Die Losung muss heißen: Seht, wie sie einander lieben und respektieren.“ Gefolgt von der Einschätzung: „Das wird noch lange dauern – aber wir werden es erleben!“

Erleben dürfen auch die Teilnehmer an den noch folgenden Nachtwächter-Rundgängen ebenso das zweite Theaterstück, für das zum zehnten Mal Autorin Monika Dambier-Blank verantwortlich zeichnet. Sie entführt in die noch etwas jüngere Vergangenheit, ins Jahr 1935 und dort ins Dieburger Friseurgeschäft von Jean und Lisabeth Brand. „Das befand sich in der Steinstraße“, blickt Dambier-Blank zurück. Sie weiß in diesem Fall besonders genau, wovon sie schreibt und spricht: Die Brands waren ihre Großeltern.

Gespielt wird das Stück zwar in der Löwengasse, doch nicht nur im Geiste sehen sich die Schauspieler und Zuschauer in der Steinstraße: Dank der Mithilfe von Thomas Gelfort und Karin Böhle, die ein fast 90 Jahre altes Foto des Salons so aufbereitet haben, dass er als Bühnenhintergrund aufersteht, und auch dank einiger vom Dieburger Friseursalon Faust bereitgestellter historischer Requisiten, fühlt man sich plötzlich mittendrin in den 30ern. „Männer kamen zum Rasieren, Frauen zum Ondulieren“, erzählt Monika Dambier-Blank. Natürlich wurde im Salon damals auch noch ordentlich gequalmt. Eine politische Dimension nach wahrer Begebenheit bringt die Autorin ebenfalls ein: Das damalige Zentrums-Mitglied Hans Steinmetz – der Politiker machte nach dem Zweiten Weltkrieg Karriere und war als Staatssekretär maßgeblich an der IngAk-Ansiedlung in Dieburg beteiligt – habe sich über dem Geschäft ihrer Großeltern immer wieder vor den Nazis verstecken müssen. Auch eine weniger ernste Frage klärt Dambier-Blank auf: „Ich wurde gefragt, warum es in Dieburg eigentlich so viele Friseurgeschäfte gibt.“ Ihre Antwort, neben dem augenzwinkernden Hinweis, dass die Dieburger eben viel Wert auf ihr Äußeres legten: „Das war schon immer so: Bereits in den 30ern gab es allein in der Steinstraße drei Friseure.“ Damals hatte die Stadt kaum mehr als 6 000 Einwohner.

VON JENS DÖRR

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